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Schon dreimal waren sie angekündigt worden, im
August klappte es dann endlich: Nine Inch Nails kamen auf Europa-Tour! Sinn und
Zweck dieses Sommerlochspektakels waren die beiden Auftritte im Vorprogramm von
Guns ‚N’ Roses in Mannheim und London; nebenbei vielen einige Clubauftritte für
die wenigen treuen deutschen Fans ab: Das Frankfurter Konzert fand dabei
erstaunlicher Weise den größten Zuspruch und das in der (zweiten?) Hauptstadt
des Tekkknohouse und obwohl doch „old school“ angeblich tot sein soll… Aber
vielleicht ist ja gerade die Tatsache, dass NIN nicht in den so beliebten
Trend-Discos läuft, ein gutes Omen und schließlich sind die Engländer nach über
drei Jahren Tekkno rave-müde, und im Begriff, den Crossover zu entdecken. (NIN
befinden sich bei Redaktionsschluß mit „Head Like A Hole“ in den britischen Top
40). Ob das nun Metal- oder Technofans sind, die sich Gruppen wie NIN, Ministry
oder Revco zuwenden, interessiert bestenfalls einige intolerante Puristen oder
unwichtige Sektierer, dieser Meinung ist auch „Mister 9 Zoll“ Trent Reznor, der
auch sonst um kontroverse Antworten nicht verlegen war und uns nach dem
Frankfurter Konzert ein längeres Interview gewährte.
FP: Sind NIN eine Band oder ein
Soloprojekt?
Trent Reznor (T): Mehr Letzteres.
FP: Willst du keine Band haben?
T: Ich schreibe die Songs allein
und mache fast die ganze Studioarbeit allein, so geht es einfach schneller.
Vielleicht spielen einige der Tourmusiker aber auf der nächsten LP.
FP: Wer sind die Tourmusiker?
T: Rich (Guitar), Jeff Ward von
Revco und Lard (Drums) und James Wooley
(Keyboards) von Die Warzau. Jeff kenne ich von der letzten Revco-US-Tour, bei
der ich Gitarrist war und er Drummer, wir sind gut befreundet. James war mit
Die Warzau im Vorprogramm unserer ersten US-Tour.
FP: Wie kam es denn überhaupt zu
dem NIN-Projekt, warst du früher in anderen Gruppen?
T: Ich komme aus Cleveland und
habe dort in einigen nicht erwähnenswerten Bands Keyboard gespielt. Meistens
habe ich ellein’ rumgehangen und war viel in Studios. Nächtelang habe ich an
Demos gebastelt. Da ich niemanden fand, mit dem ich zusammenarbeiten konnte,
musste ich zwangsläuftig alles selber machen. Die Songs auf „Pretty Hate Machine“
waren die ersten, die ich je geschrieben habe.
FP: Wie gelang es dir, so
bekannte Produzenten wie Flood, John Fryer, Keith LeBlanc und Adrian Sherwood
für deine Songs zu gewinnen?
T: Als ich endlich ein Label
gefunden hatte (Waxtrax und Nettwerk hatten es abgelehnt…) wurde mir schnell
klar, dass diese Leute überhaupt keine Ahnung von dem hatten, was ich wollte.
Sie hatten sowieso noch nichts von einem Adrian Sherwood und kannten nicht mal
Ministry. Früher dachte ich, Musik und das Musikbusiness hätten was mit Kunst
oder Kultur zu tun, heute weiß ich, dass es im Musikbusiness ohnehin kaum
jemanden gibt, der Musik überhaupt mag, wie sonst könnte solche Scheiße wie
Vanilla Ice oder fucking C&C Music Factory überhaupt produziert werden…
Jedenfalls sagte ich diesen Leuten „Wenn ihr ein gutes Album wollt, lasst mich
um Himmels Willen in Ruhe“. Ich rief Sherwood an und auch die anderen
Produzenten und alle mochten meine Demos und wollten etwas mit mir zusammen
machen. Ich arbeitete mit Sherwood an „Down In It“ und so ging es Stück für
Stück. Die Zusammenarbeit war nicht immer positiv, aber ich habe viel von
diesen Leuten gelernt und respektiere sie immer noch für ihre Platten.
FP: Aber nicht unbedingt für das,
was sie mit deinen Songs gemacht haben?
T: Genau, mit John Fryer werde
ich garantiert nicht mehr zusammenarbeiten, wir haben uns überhaupt nicht
verstanden, ebenso mit Adrian Sherwood. Auf seinem Gebiet mag er ein Ass sein,
aber als Produzent ist er ungeeignet, zu egozentrisch, er drückt deinen Titeln seinen
Stempel auf und ich habe einfach keine Kust, wie Adrian Sherwood zu klingen.
Ganz anders Flood, der versucht das Spezielle an den Nummern herauszuarbeiten,
lässt NIN klingen wie NIN oder Nitzer Ebb wie Nitzer Ebb. Wir sind inzwischen
gute Freunde und er wird auch nach der Produktion der neuen NIN-LP noch einmal
ein kritisches Auge auf die Songs werfen. Produzieren kann ich inzwischen
selber, aber Flood werden sich einige interessante Bereicherungen einfallen.
FP: Hast du schon was fertig?
T: Ein paar Titel, aber ich
brauche noch viel Zeit…
FP: … so sieht es aus: Immerhin
ist die erste LP schon über 2 Jahre alt!
T: 1990 darfst du nicht zählen,
wir sind das ganze Jahr auf Tour gewesen und da kann ich nichts schreiben.
Dieses Jahr gab’s noch mehr Konzerte und schließlich diese anstrengende
„Lollapalooza“/Jane’s Addiction Abschiedtour mit insgesamt 20 Gigs.
FP: Wer war außer JA und euch
noch dabei?
T: Siouxsie, Living Colour (die
mir überhaupt nicht gefallen haben….) Ice T und Butthole Sufers. Für uns lief
es sehr gut und es war unsere erste richtig große Stadientour.
FP: Wie erklärst du dir den
enormen Erfolg von NIN in den USA?
T: Ich würde gerne sagen, dass es
daher kommt, dass „Pretty…“ ein sehr gutes Album ist und dass wir eine
unterhaltsame Livegruppe sind, aber es kann ebenso sein, dass es an meinem
Haarschnitt liegt oder was auch immer. Andererseits glaube ich, dass wir der
Alternative/Industrial-Szene etwas Neues gebracht haben und dass unsere Musik
einfach zugänglicher ist, als die von Frontline Assembly oder anderen Skinny
Puppy Kopisten.
FP: Lag es nicht auch an der
Unterstützung von MTV?
T: Sie haben uns nie im
Normalprogramm gespielt, nur ab und an in 120 Minutes und auch diese Sendung
ist doch Scheiße, anstatt „alternative“ zu spielen, läuft da weiße Wimpacke wie
Elvis Costello und ähnlich belangloses Zeug, die guten Sachen kann man an einer
Hand abzählen. Der College- und Alternative Szene allerdings verdanken wir
schon einen großen Teil unseres Erfolges…
FP: Zurück zur neuen LP. Hast du
eigentlich Angst dem doch recht großen Druck, der auf dir lastet, nicht gerecht
werden zu können?
T: Es ist ziemlich schwer für
mich, nach all der Tourerei wieder richtig mit der harten Studioarbeit zu
beginnen, aber wir haben jetzt ein eigenes Publikum, und wie immer auch die
neue Platte klingen mag, sie wird es leichter haben als die ersten, auch wenn
sie Unerwartetes bringen wird. Die neue LP wird definitiv nicht so klingen, wie
der typische Fan es wohl gern hätte. Seit der ersten Platte habe ich mich
ziemlich verändert.
FP: Live klingen die alten Songs
schon jetzt recht trashy, ist das die neue Richtung?
T: Die alten Titel spielen wir
schon seit über 2 Jahren und wir haben sie schon mehrmals verändert. Ich habe
eine Menge über Energie und Aggression gelernt und diese Erfahrungen eingebaut.
Es muß so etwas wie ein chaotisches Element geben, etwas, das man nicht voraus
berechnen kann, so werden die neuen Songs beschaffen sein…
FP: Meinst du, dass es Bands wie
NIN, Revco und Ministry gelingen könnte, eine Verbindung zwischen Metal und
Industrial zu schaffen, die die Barrieren zwischen den Lagern Heavy Metal und
Industrial niederreißen könnte? Gibt es einen neuen Weg Metal-Techno oder so
ähnlich?
T: In den USA versteht man unter
Industrial z.B. Front 242 und Skinny Puppy. Ich mag vieles davon, finde aber
auch, dass auf diesem Gebiet nichts Neues passiert. Ich möchte dieser Musik
etwas hinzufügen, was sie etwas poppiger macht, nicht in dem Sinne, dass es
softer und glatter werden soll, wie Kommerzpop-Wimptechno á la Depeche Mode;
aber ich mag richtige Refrains und natürlich auch einen harten Gitarrensound,
daran stören sich die Synthi-Puristen, tut mir leid für sie, aber so sind wir
nun mal…Ich kann mir schon vorstellen, dass manche Metal-Kids das ziemlich cool
finden, was wir machen, aber es gibt ebenso eine Riesenanzahl von
Hardcore-Arschlöchern, die alles hassen, was irgendwie neu ist, genauso wie im
Synthi-Bereich. Mir ist das allerdings scheißegal: Aggression ist Aggression,
es kann ebenso AC/DC sein, wir Throbbing Gristle; das eine ist wie das andere,
nur anders verpackt: Pure Energy! Wir haben gerade im Vorprogramm von guns N’
Roses in Mannheim eine recht miese Erfahrung mit Metal-Fans gemacht: 65.000
haben uns den Daumen nach unten gezeigt, da war von Toleranz und Offenheit
nichts zu spüren. Axl hatte uns zu diesen Gigs überredet, weil er NIN-Fan ist
und glaubte, er hätte in Europa als typischer Poser mehr eine Pop-Audience. Die
Leute mochten uns nicht, weil wir keine langen Haare haben und nicht aussehen
wie „chicks“. Am Schlimmsten waren diese Scheißer von Skid Row: alles was ich
jemals an L.A.-Rock’N’Roll Klischees auf MTV gesehen habe, plus einige neue,
wurde durch Skid Row noch übertroffen: stundenlang Warmsingen zu George
Michael, „Kiss Alive 2“-Hören zum Einstimmen, Football-Schlachtrufe – so wie
die möchte ich niemals sein.
FP: Für deine Songs schein es
einige recht ungewöhnliche Inspirationsquellen zu geben und live gibt es
Coverversionen von Queen und Adam Ant…
T: Das sind Sachen, die ich als
Kind gemocht habe und die ich auch heute noch cool oder lustig finde, auch wenn
es sehr unhip klingen mag, aber fucking Queen und Kiss waren meine ersten
Lieblingsbands.
FP: Macht Du noch was mit
Pigface?
T: Nein, es war eine einmalige
Sache… am Ende nicht mal mehr ein Spaß!
FP: Wie stehst Du zu den anderen
US-Industrialbands, die machen ja alle mehr oder weniger laufend irgendwelche
Sachen zusammen, allen voran Al Jourgensen?
T: Al ist einer meiner besten
Freunde, aber wir haben keine konkreten Pläne, etwas zusammen zu machen, wie
z.B. dass ich wieder mit Revco auf Tour gehe. Auf der letzten 1000 Homo DJs
habe ich ursprünglich gesungen, aber mein Label TVT hat diese Version nicht
freigegeben, was alle ziemlich geärgert hat und mir gegenüber Al recht peinlich
war. Das war bei weitem nicht das einzige Problem mit TVT und deshalb werde ich
die neue LP auch nicht mehr bei ihnen herausbringen.
FP: Du unterschreibst also bei
einem Major?
T: Ja, aber wir sind momentan
noch am Auschecken…
FP: Ich wünsche Dir alles Gute
uns spann’ uns bitte mir der neuen Platte nicht allzu lange auf die Folter!
Armin Jeff Johnert (FP)
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