Wir schreiben und lesen hier nicht also über ein im
popkulturellen Sinn vernachlässigbares Nischenprodukt - dieser nicht nur
bemerkenswert lange, sondern auch christlich-schuldbeladen- bleischwere Nagel
steckt, als Doppel-CD verkleidet, in weitaus mehr Haushalten, als es laut dem
vermeintlich allmächtigen Gesetz von "Wie funktionieren die Charts" der Fall
sein dürfte. Was auf jeden Fall erst mal als gut zu bewerten ist. Selbst im
Vergleich zu ähnlich gearteten metallischen Phänomenen in den (US-) Charts -
Pantera, Korn - sind Nine Inch Nails oder zumindest diese Platte ein besonderer
Fall. Zum Beispiel in bezug auf das beliebte Spiel "ich hör' die Single nicht".
Wie auch, wenn man nach nicht mal "den Song" hört. Was wir hören, ist gepreßte
Poesie auf über hundert Minuten auf und ob mäandernder, verschleppter und
getriebener Hi-Tech-Übungen in Sound und Struktur. Armaden scharfschneidiger
Gitarren. Voodooeskes Trommeln, trockenes Wummern und technoides Bubbern.
Gefiltertes Piano. Minimal dissonante Streicher, Fast alle Instrumente und
definitiv alle Effekte der Neuzeit. Da steckt Arbeit drin.
"Ich habe oft Kommentare bezüglich der fünf Jahre seit der
letzten Platte bekommen, aber jetzt sagen die Leute: "Oh, die Sounds und
Texturen der Platte sind grandios." Oder die Orchestrierung. Das stimmt. Und das
dauert. Es sind keine Presets auf dem Keyboard. Es ist kleinteilige Arbeit. Wir
haben Cellos verschieden gestimmt, viel mit Rhythmen experimentiert. Wir haben
viel Spielzeug hier, und wir benutzen es alles."
Die Fachblätter jubilieren - endlich mal wieder ein Thema,
das populistische Erfolgszahlen mit studiosem Muckertum verbindet. "The Fragile"
könnte auch als Demo-CD für den heißesten Scheiß im Soundbearbeitungssektor
durchgehen. Aber nicht mikro-fricklig wie bei Richard James oder Funkstörung,
sondern flächiger und pathetischer. Schließlich ist Trent Reznor Goth At Heart.
Es gab eine Zeit, wo es mich sehr stark geprägt hat. "Broken"
ist deswegen so häßlich und hart geworden, weil ich was beweisen wollte. Was
diese Platte angeht, so begann sie an einem Punkt großer Verzweiflung und
Gedanken daran, alles zu beenden.
Künstlerische Leere?
Nein, emotionale, menschliche Verzweiflung. Es ging mir
einfach beschissen. Und das hing wesentlich mit der langen Tour und der
Manson-Platte zusammen. Und der Erkenntnis, daß eine erfolgreiche
Veröffentlichung dein Leben nicht plötzlich zum Guten wendet. Im Gegenteil, mir
wurde klar, wie sehr die Tatsache, daß auf einmal viele Leute meinen Arsch
küssen, meinen Charakter und meine Persönlichkeit verändert. Es war an der Zeit,
sich hinzusetzen und in den Spiegel zu gucken. Und sich daran zu erinnern, daß
ich das alles mache, weil ich Musik liebe. Es verging also einige Zeit, bis ich
überhaupt anfing zu arbeiten, und mir wurde klar, daß es lange dauern würde. Ich
dachte dieser Umstand wäre der Sargnagel, was die Nine Inch Nails-Karriere
angeht. Was mich auf der anderen Seite befreit hat. Es war mir egal, was die
Leute denken und was sie erwarten. Es ist eine ohnehin ausweglose Situation.
Wenn es wie die letzte Platte klingt, werden die Leute das bemängeln, wenn es
nicht wie NIN klingt, wird das das Problem sein. Also habe ich das Radio und das
Fernsehen ausgemacht, das Studio abgeschlossen und mich zwei Jahre nur darum
gekümmert, was mir wichtig ist. Dann erst habe ich durch die Verleger- und
Geschäftsmann-Brille geguckt und mich gefragt, was das ist. Ich bin mir sicher,
daß es nicht wie irgend etwas anderes da draußen ist. Mir ist es bewußt, daß es
den Leuten einiges abverlangt, 100 Minuten durchzuhören.
Beide Kritiken, die ich bislang gelesen habe, haben
Vergleiche zu Pink Floyd gezogen und waren sich darin einig, daß die Platte, um
die Hälfte gekürzt, wirklich grandios wäre. Warum mußte es so groß sein?
Die Platte hat sich anders als normal entwickelt. Ich habe
mit den komischeren, instrumentalen Sachen angefangen. Das ist es, was uns
begeistert und bei der Sache gehalten hat - herauszufinden, was wir, also ich
und Alan Moulder, im Studio machen können. Erst zum Schluß haben sich die
zugängigeren Songs geformt. Wenn wir dann darangegangen wären, das Fett
abzuschneiden, wäre alles Material, an dem uns am meisten liegt, entfernt
worden. Wir haben wirklich alle Modelle durchgespielt - Einzel-CD, zwei
voneinander getrennte Veröffentlichungen, alles. Aber so, wie es ist,
unterstützen sich die Songs am besten. Und wir haben mit 42 Stücken anfangen -
ich hatte noch nie zuviel Material. Versteh mich nicht falsch: ich mag die Idee
einer Doppel-CD auch nicht, meistens ist es selbstverliebter Mist, wo einfach
alles raufkommt. Glaub mir, es war eine lange, schwierige Entscheidung, aber ich
bin mir sicher, daß es so gut ist.
Wurde die Arbeit im Studio zu einer Sucht? Mußte jemand
kommen und dich von den Geräten wegzerren?
Als wir bei 40 Stücken waren, wurde langsam klar, daß jetzt
mal der Realismus Einzug halten sollte. Wir konnten uns zu der Zeit von nichts
trennen. Aber ich stehe unter keinerlei Druck, und die Leute von "Interscope"
wissen, daß sie mir nichts erzählen können. Davon abgesehen ist es niemandem
klarer als mir, wie lange es gedauert hat. Kein anderer hat jeden Tag zehn
Leute, die ihn fragen, wann die Platte rauskommt. "Hey Trent, wann kommt die
Platte raus?" - "Fuck you, ich arbeite dran."
Zeit ist eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste
Dimension dieser Platte. Kein Wunder, wenn sich jemand für zwei Jahre
wegschließt, Zeit als gesellschaftliche Komponente damit ausschaltet, dabei aber
trotzdem immer und immer wieder mit der Nase drauf gestoßen wird. Vor dem
Hintergrund des eigenbrötlerischen Reznor'schen Trotzpotentials hat das den Sud
weiter verdickt, sowie die Luft im Studio, wo wenig sozialer Austausch
vonstatten ging. Wobei er sich nicht bewußt für Cut & Paste, Schichten und
Sequencen entschieden hat.
Bis zu dieser Platte habe ich Bands immer beneidet. Die
Interaktion, die geteilte Verantwortlichkeit, die Kameradschaft. Aber ich habe
nie Leute gefunden, mit denen ich zurechtkam oder, besser, die mit mir
zurechtkamen und die auf meinem Geschwindigkeitslevel arbeiten konnten. Wenn ich
im Studio bin, habe ich fünf Ideen gleichzeitig. Ich höre, wie die Sachen
zusammenspielen, und will es sofort genauso haben. Das kann manchmal
frustrierend sein, weil es vielleicht nicht genau genug kommunizierbar ist oder
die Leute mit anderen Ideen kommen. Es ist einfacher, es selbst zu machen. Und
wenn du den Druck und die Angst überwunden hast, kann es wirklich Spaß machen,
ein Instrument zu nehmen, das du eigentlich nicht spielen kannst, und einen
guten Part damit zu versuchen. Trotzdem habe ich jetzt eine Band
zusammengestellt, um alles live spielen zu können. Die Leute sind alle sehr gut,
und es macht Spaß, die Songs zu dekonstruieren und sie neu zu erstellen.
Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst?
In dem Tief zu Beginn der Aufnahmen habe ich mich das auch
gefragt. Ich habe mir gesagt: "Wenn du das nicht tun willst, Trent, dann laß es
und mach was anderes." Wenn ich mir die Frage jetzt, wo ich keinen Druck habe,
in absehbarer Zeit einen Job zu brauchen, stelle - was mich wirklich
interessiert, ist Computerprogrammierung. Das kann eine echte Kunstform sein.
Aber es klingt nicht besonders sexy. Ich bin nur davon angefixt, was in dieser
Welt alles möglich ist. Außerdem beendest du etwas, und es ist fertig.
Mathematik, das Gegenteil von Songwriting. Es gibt ein erreichbares Ziel. Nicht
wie in der Musik. "Ist das die beste Bassline?" - "Vielleicht." - "Könnte sie
besser sein?" - "Möglich." Das ist der Feigling in mir, der da spricht. Ich
finde es hart, Songs zu schreiben.
Was ist deiner Meinung nach die perfekte Hörsituation für,
diesen Aufwand? Allein mit Kopfhörern?
Ja, es ist eine gute Kopfhörerplatte. Nimm dir zweimal eine
Stunde Zeit, hol dir was Gutes zu trinken.
Und zelebriere deine Isolation.
Und nimm dir einen Hammer und schlag dir... nein.
Apropos: auf den Hunderten von Fansites im Netz wimmelt es
von solch morbiden Phantasien und Assoziationen zu deiner Musik. Was ist dein
Verhältnis zu diesen Hardcore-Fans? Hast du Angst? Fühlst du dich
verantwortlich?
Nein, ich fühle mich nicht verantwortlich. Ich kann aber
vieles davon verstehen, bin durchaus Teil dieser Szene und mit einigen
befreundet. Jetzt gerade ist es aber so, daß ich zwei Jahre lang meinen Kontakt
zur Welt völlig abgebrochen habe.
Benennungen deiner Persönlichkeit, die auch hier immer wieder
auftauchen, sind Nihilist oder Solipsist. Kannst du damit was anfangen?
Ich weiß nicht. Ich bin in einer komischen Phase. Möglich,
daß es Erleichterung ist, diese Platte fertig zu haben, oder Stolz, weil ich sie
wirklich gelungen finde ... Jedenfalls habe ich komische Wellen von Optimismus
und positiven Gefühlen. Aber das wird bestimmt wieder vorbeigehen. Keine Angst.
Hast du gerade gesagt: "Keine Angst, der Optimismus wird
schon wieder, verschwinden"?
Er lacht. Trent Reznor lebt übrigens nicht in Seattle oder
noch unwirtlicheren Gegenden der Staaten. Im Gegenteil, der morbide Geist will
warmes Feeling und Vibe. Dementsprechend ist seine Wahl auf die voodooeske Aura
von New Orleans gefallen, geprobt wird auf den Bahamas. Hören Sie die Musik vor
diesem Hintergrund. Wir wünschen gute Unterhaltung.