|
Mit seinen düsteren Untergangsvisionen ist
Hardrocker Trent Reznor von „Nine Inch Nails“ zum Lieblingsbösewicht der
US-Tugendwächter avanciert
Willkommen im
Nichts. Im Nothing brennen lila Kerzen. Ein gebleichter Kuhschädel liegt im
Eingang, an der Wand hängt ein Foto von einem Embryo im Glas. Schwarze Hunde
schleichen durch dunkle Flure. Bleiche Leute in schwarzen T-Shirts und
schwarzen Hosen hantieren an Computergebirgen, aus denen verstörende,
elektronische Geräusche quellen. Der Teppichboden ist dunkel, die Wände mit
dunkelblauen Samttapeten bespannt. Sogar die Fenster sind nach außen schwarz
verspiegelt. In den schummrigen Labyrinthen der Nothing Studios‘ zu New Orleans
haust ein junger Mann, der es gern makaber mag. Trent Reznor, 34, lebt mit Tod,
Untergang und Schrecken wie andere Rockstars mit Drogen und Groupies. Das grau
gestrichene Holzhaus, in dem er heute seine düsteren Songs schreibt, war früher
ein Bestattungsinstitut. In Hollywood wohnte er einmal in dem Haus, in dem
Sharon Tate ermordet wurde.
Reznor ist
der Kopf von ’Nine Inch Nails ‘,einer Rockband, die praktisch nur aus ihm
besteht. Er schreibt alle Lieder und Texte, er spielt fast alle Instrumente und
holt aus seinen zahllosen Apple-Computern so apokalyptische Geräusche, dass die
Tageszeitung ‘USA Today‘ ihn ‘elektronischer Frankenstein‘ taufte. Selbst
Reznors leise Lieder klingen noch so, als habe er Stacheldraht um die Töne
gewickelt. Nur wenn er auf Tour geht, bringt er Musiker mit.
Nine Inch
Nails, das sind 23 Zentimeter lange Nägel - und mit denen schlägt er voller
Wucht zu: ‘Diese Welt hat mich weggeworfen/diese Welt gab mir nie eine
Chance/dafür wird diese Welt bezahlen.‘ Die Welt zahlt schon jetzt, und zwar
freiwillig. Der Rockstar wider Willen mutierte zum Pop-Idol, und seine
Verzweiflungsschreie wurden zu Millionenhits. Zwar weigerten sich MW und
etliche Radiostationen, sie zu senden. Doch die jungen Amerikaner waren von so
viel roher Wut und Selbstzerstörung fasziniert. Seit Kurt Cobain sich mit einem
Kopfschuss ins Nirvana befördert hatte, gab es keinen Sänger mehr, der die
Isolation und Entfremdung einer Generation so dramatisch ausdrücken konnte wie
der scheue Junge mit dem stechenden Blick.
‚Rockmusik
ist keine sichere Sache, sie muss immer auch subversiv sein‘, befand Reznor
schon 1994. ‘Deine Eltern müssen sie hassen. Wenn es sie ankotzt, ist es
super.‘ Daran arbeitet er bis heute hart, seine jüngste Doppel-CD ‘The
Fragile‘, die Zerbrechliche, ist wieder ein Absturz in Hoffnungslosigkeit und
Einsamkeit: ‘Es gibt keinen Ort, an dem ich mich verstecken kann.‘ Die
Doppel-CD mit den 23 Nummern stürmte die Charts wie im Amoklauf und wurde auf
Anhieb die Nummer eins in den USA.
Dabei sind
die Leiden des jungen R. kein glattes Marketing-Produkt wie die sorgfältig
kalkulierten Widerlichkeiten des Marilyn Manson. Die Verzweiflung Reznors ist
echt, sie kommt aus einem grenzenlos unglücklichen Einzelgänger.
Als er fünf
Jahre alt war, überließen seine jungen Eltern ihn der Großmutter. In dem
kleinen Nest in Pennsylvania, in dem er aufwuchs, war er immer ein Außenseiter.
Er gehörte nicht zu den Sportskanonen, die von den Mädchen angehimmelt wurden.
Stattdessen hörte er Pink Floyd und Kiss, interessierte sich für Horrorfilme
und hatte nur einen Wunsch: ‘Weg hier!‘ Er ging nach Cleveland und studierte
klassisches Piano.
Reznor
schrieb die Musik zu Oliver Stones umstrittener Gewaltorgie ‘Natural Born
Killers‘, einen Film, den er selbst heute ‘sehr gefährlich‘ findet. Später
produzierte er das fragwürdige Album ‘Antichrist Superstar‘ seines damaligen
Freundes Marilyn Manson. Die Vorliebe für alles, was verboten und mit Tabus
belegt war, machte ihn bald zum Lieblings-Bösewicht der US-Tugendwächter. Sein
‘nihilistischer Einfluss‘ auf die Jugend wurde besonders nach der
Schul-Schießerei in Denver beklagt, bei der 14 Jugendliche und ein Lehrer
starben. Doch Reznor weist die Kritik zurück: ‘Es ist billig, die Rockmusik zu
beschuldigen. Hört man in Deutschland nicht auch meine Lieder? Schießen die
Kids dort etwa auch ihre Mitschüler tot? Das Problem in den USA sind doch die
vielen Knarren.‘
1994
veröffentlichte er eine CD mit dem bezeichnenden Namen ‘The Downward Spiral‘.
Die Botschaft kam gut an bei der Generation X, sie griff über fünf Millionen
Mal zu und machte ihn zum Millionär. Nur Reznor begriff zu spät, dass der Typ
mitten in der Abwärtsspirale er selbst war: ‘Irgendwann bin ich auf dem Boden
aufgeschlagen. Ich hatte Angst vor mir, vor allem, ich hatte Angst, mich ans
Klavier zu setzen und ein Lied zu spielen, weil ich dachte, ich sei leer.‘ Der
Erfolg konnte seine Ängste nicht besänftigen. Im Gegenteil, er stürzte ihn nur
noch tiefer in die existenzielle Krise: ‘Plötzlich war ich genau der Typ, der
ich auf keinen Fall werden wollte. Plötzlich sind mir die Leute in den Arsch
gekrochen.‘ Er nahm Zuflucht zu Drogen und Alkohol, und irgendwann stand er
wirklich kurz vor dem Selbstmord, den er in seinen Songs immer gefeiert hatte:
‘Emotional, geistig und seelisch war ich an einem Punkt von absolutem Unglück
angekommen.’
Inzwischen hat er sich gefangen
und gelernt: ‘Es ist ein Unterschied, ob du mit Selbstmord flirtest, wenn du
deine Lieder schreibst. Oder ob du selber kurz davor stehst.‘ Früher sei er
‘einfach gegen alles‘ gewesen: ‘He, ich brauche niemand! Ich bin Ich. Fuck
deine Mythen!‘ Heute sehe er das anders, sagt er und schaut dabei durch das
vergitterte Fenster seines Studios hinaus auf die Straße, wo die Leute stehen
bleiben, um sich vor den verspiegelten Fenstern zu kämmen oder in den Zähnen zu
pulen. ‘Ich fange grade an rauszukriegen, dass ich vielleicht doch nicht allein
bin auf der Welt. Vielleicht gibt es ja doch eine höhere Macht oder einen Sinn
hinter allem.‘
Claus Lutterbeck
|