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Nine Inch Nails-Alben sind bestens geeignet, unbedarfte Ersthörer
völlig aus den Socken zu hauen. Aber nur die Tonträger des Projekts um Trent
Reznor, sondern auch die Konzerte des Ausnahmekünstlers sind eine ultimative
Erfahrung – und zwar körperlich wie mental. Mehr als zwei Jahre nach der
Veröffentlichung der Doppel-CD „The Fragile“ und der folgenden Tournee bringt
Reznor nun auf einen Schlag ein Livealbum, ein Video und eine DVD auf den
Markt. Titel der Dreifachverwertung: „All That could Have Been“.
Trent, wie hat es sich angefühlt,
wieder auf einer Bühne zu stehen, nachdem du so lange in deinem Studio in New
Orleans eingekerkert warst, um „The Fragile“ zu entwickeln?
„Der Unterschied zwischen Studio und Bühne ist immer eine seltsame
Sache. Und „The Fragile“ war eine sehr schwierige und spezielle Erfahrung,
alleine schon wegen der Länge. Es handelt sich um einen realen künstlerischen
und musikalischen Trip, und manchmal wusste ich wirklich nicht mehr, wo die
Reise hingehen würde. Die Studioarbeit verschafft mir persönlich die einzigartige Freude,
eine Arbeit fertigzustellen, die mich total befriedigt. Sobald das Album in den
trockenen Tüchern ist, drängt sich die Lust aufs Touren von selbst auf. Das ist
eine extrem einzigartige Situation, denn sie besteht aus dem Verlassen eines
beengten Raums, um sich der Welt da draußen zu zeigen und zu öffnen.“
Was hälst du zwei Jahre nach der
Veröffentlichung von „The Fragile“?
„Ich bin sehr stolz auf dieses Album. Als ich es konzipierte, erlebte
ich gerade eine interessante Zeit, und diese CD ist der perfekte Soundtrack
dazu. Aber ich bin von einigen Reaktionen, die sie hervorgerufen hat, doch
etwas enttäuscht. Resonanzen, die ich zwar verstehe, aber dennoch nicht
akzeptiere. Ich erlebe im Moment eine schwierige Zeit mit meinem Label, die
perfekt dem entspricht, warum manche „The Fragile“ nicht verstanden haben:
Meinen ersten Deal habe ich bei einem Indie-Label namens Nothing aus New York City
unterschrieben. Nothing wurden später an Interscope verkauft, Interscope
wiederum an Universal – und Universal an eine Company namens Vivendi, die ich
überhaupt nicht kenne.
In den letzten zehn Jahren ist das Musikbusiness eine Industrie
geworden, die nichts Künstlerisches mehr vertritt, sondern sich mehr auf die
Streuung und Verbreitung ihrer Aktivitäten konzentriert. Wenn dann ein Projekt
wie NINE INCH NAILS, das den Willen hat, Kunst zu leben statt Geschäfte zu
machen, versucht, sich mit großen Firmen anzulegen, wird alles sehr schwierig.
Ich brauche beispielsweise nur sagen, dass die Hülle meiner DVD matt statt
glänzend sein sollte, und man antwortet mir, dass das zu teuer wird: Schon bin
ich meinen Verhandlungspartnern auf die Nerven gegangen, obwohl nun mal jede CD
oder DVD ein Werk ist, bei dem auch die Verpackung ihre Wichtigkeit hat.
Und wenn ich sehe, dass eine große amerikanische Warenhauskette wie
Wal-Mart meine CD nicht verkaufen will, weil ich darauf „fuck“ sage, kotzt mich
das an. Mein Label stört das allerdings nicht. Diese Leute üben ganz im
Gegenteil Druck auf mich aus und verlangen, dass ich eine „saubere“,
entschärfte und „politisch korrekte“ Version aufnehme. Alles andere ist ihnen
egal. Wenn ich mir eine CD kaufen will, gehe ich nicht zu Wal-Mart. Dort kaufe
ich was zu essen und keine Musik. Aber es ist klar, dass man keinen
durchschlagenden Erfolg erwarten kann, wenn man in einem musikalischen Umfeld,
das kurzlebige Bands vorzieht, deren Karriere aus ein oder zwei Singles
bestehen wird, eine komplexe Doppel-CD herausbringt, die Aufmerksamkeit
verlangt – und keinen Hit enthält.“
Das klingt ja eher bitter – als
ob du dir die Zustände früherer Jahre zurück wünschst…
„Ich weiß nicht, was ich von dieser neuen amerikanischen Musiklandschaft
halten soll, besonders vom so genannten Nu Metal: „Schaut nur, war wir für eine
böse Ausstrahlung haben mit unseren Kostümen und unserem Jaulen und Gegröle
über Monster und Leichen.“ Diese Kapellen versuchen, aggressiv zu sein, aber
sie kommen eigentlich nur lächerlich und armselig rüber. Und ich glaube, dass
die Negativität, die sie vermitteln wollen, auf lange Sicht nicht sehr
produktiv ist. Diese Musik vermittelt mir tatsächlich den Eindruck, alt zu
sein, weil ich sie nicht verstehe; das ist aber normal, weil sie nicht dazu
auffordert, etwas zu verstehen – sie scheint sich zu ihrer eigenen
Nichtsnutzigkeit zu bekennen.
Um aber auf die Vergangenheit zurückzukommen und was ich über meine
Karriere denke: Ich kann nur sagen, dass die besten Momente, die ich je erlebt
habe, jene waren, als ich on the road Songs in einem Van geschrieben habe und
wir als Opener für Bands wie The Jesus & Mary Chain unterwegs waren. Ich
glaube allerdings nicht, dass es sinnvoll ist, der Vergangenheit nachzutrauern.
Heute habe ich soviel Erfolg wie nie zuvor und bin glücklich darüber. Ich würde
um nichts in der Welt etwas daran ändern wollen, auch wenn mein jetziges Umfeld
viel derber und aggressiver ist als zu meinen Anfangszeiten…“
Wie planst du den Aufbau deiner
Shows?
„Ich habe die „Fragile“-Tournee als eine Retrospektive auf alles
entworfen, was NINE INCH NAILS bislang
gemacht haben. Daher liegt der Schwerpunkt auch nicht auf den neuen Songs. Vor
allen Dingen wollte ich eine „Echte“, zwei Stunden Show, bei der das Publikum die
Intensität der Performance nachempfinden kann – und eine ordentliche
dramatische Inszenierung. Als die musikalische Rahmenhandlung einigermaßen
stand, habe ich angefangen, mit einem Regisseur und einem Lichttechniker zu
arbeiten, um die Show in mehrere Teile zu splitten – ein bisschen so, wie ein
Theaterstück in Akte unterteilt ist. Ich habe das Glück gehabt, das zu
bekommen, was ich bezweckt habe: Ich hasse es, auf ein Konzert zu gehen, mich
zu langweilen und zu sehen, wie die Zuschauer anfangen, sich nach einer halben
Stunde anzuöden, die Decke anzustarren, sich was zu trinken zu holen, aufs Klo
zu gehen oder sich zu unterhalten. Das ist echt mies.
Im Gegensatz zu vielen anderen Bands wissen wir die Reihenfolge der
Songs, die wir spielen werden, ganz genau. Das ist quasi das Gerüst. Aber
anders als bei einem N’Sync- oder Madonna-Gig, wo alles durchchoreographiert
und geplant ist, halten wir uns zwar an ein Skript, aber es lässt uns als
Musikern genügend Freiraum auf der Bühne, um untereinander und nebeneinander zu
agieren.“
Das artet häufig in eine
unglaubliche Aggressivität zwischen euch aus…
„Ja, weil ein Konzert eine unglaublich intensive Sache ist.“
Bist du allein verantwortlich für
den Entwurf und das Konzept der DVD?
„Ich habe mich mit einem jungen Typen namens Rob Sheridan
zusammengetan. Ich halte es für wichtig, mit Leuten zu arbeiten, die innovative
Vorstellungen haben und inspirative Vorschläge machen. Anfangs habe ich ihn
eingestellt, um meine Website und die grafische, Design-orientierte Seite von
NINE INCH NAILS zu betreuen; er hat unsere letzten T-Shirts entworfen. Wir sind
gute Freunde geworden und ergänzen uns sehr gut. Als ich geplant habe, diese
Tour zu filmen, habe ich mich an ihn gewandt. Er meinte, dass wir selber die
Produktion übernehmen könnten, statt ein Filmteam einzustellen, das dann ein
oder zwei Konzerte filmt. Wir haben also alle Abende mit acht Kameras gefilmt
und das Ganze dann zu Hause auf unsere Macs geladen. Durch seinen Input
betrachte ich Rob als vollwertiges Bandmitglied.“
Eine „Deluxe“-Edition wir eine
Bonus-CD („Still“) mit neun Titeln enthalten…
„Diese CD ist eine Art melancholisches Gegengewicht zu der harten und
rohen Livescheibe. Dabei handelt es sich um alte Titel, die ich liebe, die sich
aber nicht im Live-Set wieder finden, wie „Something I can never have“. Wir
haben sie mit einigen Bandmitgliedern noch mal in verschiedenen Versionen neu
eingespielt.“
Arbeitest du schon am nächsten
Studioalbum?
„Ich habe bereits einige Stücke für die nächste Platte aufgenommen,
aber ich werde sich für einige Monate im Schrank liegen lassen, damit ich mir
sicher bin, dass sie mir noch immer gefallen, wenn ich sie wieder entdecke. Ich
glaube daher, dass das nächste, was ich veröffentlichen werde, Tapeworm sein
wird.“
Dieses Sideproject – Maynard
James Keenan von Tool und Phil Anselmo von Pantera sollen mit von der Partie
sein – wird tatsächlich irgendwann das Tageslicht erblicken?
„Es gibt wie immer nichts Konkretes. Einige Songs sind aufgenommen und
abgeschlossen, aber ich habe das Konzept überdacht, denn ich wollte, dass es im
Gegensatz zu NIN ein demokratisches Projekt ist. Ich hätte es klasse gefunden,
wenn es eine echte Teamarbeit geworden wäre. Leider gaben mir die Mitglieder
von Tapeworm zu verstehen, dass sie mich als Chef oder Architekten der
Geschichte betrachten. So kam es dazu, dass einige, die am Anfang dabei waren,
nun nicht mehr dabei sind und neue hinzugekommen sind. Aber darüber möchte ich
nicht sprechen. Wie auch immer: Tapeworm ist immer noch aktuell.“
Oliver Rouhet
Übersetzung: Dani Lipka
Bearbeitung: Matthias Breusch
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