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Es war 1999, als Trent Reznor
unter dem Banner NINE INCH NAILS das Doppel-Album “The Fragile“ kreierte und
damit in musikalischer Hinsicht das anspruchvollste und innovativste Werk seit
seinem Karrierebeginn 1988 veröffentlichte. In punkto Verkaufszahlen konnte das
ausladende Album jedoch nicht an den großen Erfolg des Vorgängers “The Downward
Spiral (1994) anknüpfen. Was folgte, waren zahlreiche Auftritte quer um den
Globus, sowie das Remix-Album “Things Falling Apart“ (2000) und die Live-
Scheibe “And All That Could Have Been“ (2001). Mastermind Trent Reznor indes fiel
in dieser Zeit in ein kreatives Loch und geriet immer tiefer in eine Hölle aus
Drogen und Alkohol. Lange Zeit war ungewiss, ob jener Mann, der zuvor als
Inbegriff des modernen Rockstars galt, aus diesem Tal überhaupt noch einmal
herauskommen würde und entsprechend lange war es auch still um NINE INCH NAILS.
Insgesamt sechs Jahre dauerte es bis Trent Reznor schließlich das insgesamt
vierte Studioalbum „With Teeth“ fertig gestellt hatte, das am 2. Mai diesen
Jahres endlich das Licht der Welt erblickt. Der Medienrummel um NINE INCH NAILS
hingegen ist dieser Tage scheinbar größer denn je und so absolvierte Trent
Reznor bereits seinen achten Interview-Tag in Folge, als er dem Legacy Anfang
April in einem dunklen Berliner Hotelzimmer Rede und Antwort stand. Doch von
Erschöpfung keine Spur. Trent zeigte sich redselig und sichtlich glücklich
darüber, dass er überhaupt noch ein ganzes Album promoten kann…
LEGACY: Trent, „With Teeth“ ist
ein gradlinigeres und eingängigeres Album als der Vorgänger „The Fragile“, auf
dem du vie mit Ambient-Sounds und ausladenden Instrumental-Teilen
experimentiert hast. Gestaltete sich diesmal auch die Studioarbeit entsprechend
stressfreier?
TRENT: Ich habe im Januar letzten
Jahres mit den Arbeiten für das Album begonnen und dabei erstmals einen anderen
Ansatz für das Songwriting verwendet. Mein eigentliches Studio steht in New
Orleans. Diesmal habe ich mich jedoch entschieden, diese Umgebung zu verlassen
und ein Haus in den Bergen von Los Angeles zu mieten, um dort mit sehr
minimalistischen Mitteln zu arbeiten. Ich hatte lediglich ein Piano, einen
Drum-Computer und einen Computer um mich herum. Im Gegensatz zu „The Fragile“
und „The Downward Spiral“ waren die Worte diesmal zuerst da. Ich setzte mir die
Deadline, dass ich alle zehn Tage zwei Songs in Demo-Versionen fertig stellen
wollte. Der Grund dafür war, dass ich bei den letzten beiden Alben alle Songs
direkt im Studio kreierte. Dadurch nahmen das Songwriting, die Arrangements,
die Produktion und die Sounds alle eine gleich gewichtige Rolle ein. Ich saß
also in einem Raum unendlicher Möglichkeiten und startete einen Songs
beispielsweise mit einem Drum-Loop, einem Sound-Effekt oder einem Schnipsel.
Dann begann ich, die Dinge zu schichten, woraus langsam die Songs entstanden.
Dieses Mal wollte ich hingegen mit dem eigentlichen Song beginnen und ihn erst
später arrangieren. Das ist der Hauptgrund, weshalb auf dem Album eher die
Songs im Mittelpunkt stehen, nicht so sehr die instrumentale Seite. Zuvor hatte
ich mit meiner rechten Hand Atticus Ross einige Sessions in New Orleans
absolviert, bei denen wir an verschiedenen musikalischen Ideen gearbeitet haben.
Dabei kristallisierte sich heraus, dass wir dieses Mal mit echten Drums
anstelle von Programmings arbeiten wollten. Des weiteren sollte die Produktion
sehr an unseren Live-Sound angelehnt sein und so wenig Spuren wie möglich
enthalten, so dass der Sound auf das Nötigste reduziert wird. Das war eine
Reaktion auf „The Fragile“, denn dieses Album war genau das Gegenteil davon. Es
beinhaltete so unglaublich viele Spuren und Elemente, dass es kaum vorstellbar
ist. Ich wollte einfach eine andere Strategie probieren. Der Masterplan war,
eine typische Rock-Platte zu machen und das hat mich sehr inspiriert.
LEGACY: Welchen Einfluss hatten
die Sessions mit Atticus Ross auf die neuen Songs?
TRENT: Was übrig blieb, waren vor
allem Arrangement-Ideen und Sounds. Dadurch gab es jede Menge Ideen, auf die
wir später zurückgreifen konnten. Wir nahmen beispielsweise einen primitiven,
alten Kassettenrekorder-Drum-Loop und ließen ihn mit einer elektronischen,
analogen Sequenz zusammen ablaufen. Diese Experimente führten zu abgefahrenen
Sounds und unsere Ansammlung solcher Ideen wurde größer und größer. Ein paar
Tage später hörte man dann wieder rein und stellte fest, dass fünf oder sechs
Sounds zu einer Songidee gehören. Man fügte sie also zusammen und wählte dann
das Beste vom besten aus. Immer wieder kamen wir so auf Sachen, die scheiße
klangen, aber auch auf Ideen, mit denen sich weiter arbeiten ließ. Bevor ich im
Januar letzten Jahres mit dem eigentlichen Songwriting begann, hatte ich etwa
50 Ideen, die ich schließlich auf 15 Songs reduzierte. Mein erster Plan war,
einfach Worte zu diesen Songs zu finden und daraus die Platte zu machen. Aber
es funktionierte nicht, denn als ich in Los Angeles war, sprudelten viele Worte
aus mir heraus, die nicht zu diesen Songs passen wollten. Außerdem klangen
meine neuen Ideen aufregender, so dass ich erst einmal weiter neue Stücke zu
diesen Worten schrieb. Was wir aus diesem Jahr, in dem wir eigentlich nur herum
experimentiert haben, lernten, war, dass wir ein Album kreieren wollten, das
nicht perfekt klingt, sondern eher wie eine Band, die live spielt. Etwas
Brutales und Minimalistisches in Bezug auf die Arrangements. Ich habe all dies
schließlich auf das Album angewendet. Deshalb fällt “With Teeth“ roher aus.
LEGACY: Inwieweit unterscheidet
sich diese Arbeitsweise von den vorherigen Werken?
TRENT: “The Fragile“ und “The Downward
Spiral“ begannen beide nicht mit Worten, sondern meist mit irgendwelchen Beats.
Ich habe mich erst neulich wieder intensiv mit “The Downward Spiral“
beschäftigt, da ich es vor etwa acht Monaten im 5.1 Surround-Format neu gemischt
habe. Da habe ich mir die Mastertapes das erste Mal nach langer Zeit wieder
angehört und es kamen all die Erinnerungen wieder hoch. Seinerzeit begannen die
meisten Songs mit einem Loop oder einem Sound
aus dem wahren Leben, etwas, das die Treppe herunterfällt beispielsweise. Diese
Sounds wurden geloopt und es entstanden abgefahrene Rhythmen daraus, die mit
anderen merkwürdigen Rhythmen überlagert wurden und dann kam vielleicht noch
ein traditioneller Beat darauf. Wir griffen auch viel auf filme zurück, die wir
uns ohne Bild anhörten und sobald eine interessante Sequenz kam, wurde sie
aufgenommen und dann mit anderen Passagen zusammen gemischt. Ich wusste am Ende
kaum noch, wo all die Sachen herkamen. Wann immer wir etwas Fremdartiges
hörten, wussten wir, dass es cool ist. Ich habe all dieses Sounds, deren
Herkunft ich nicht kannte, schließlich in meinen Sampler geladen und weiter
damit herum experimentiert. Dadurch hatte wir eine große Sammlung an Loops und
als es dann darum ging, die Songs zu arrangieren, konnten wir darauf
zurückgreifen. „Reptile“ besteht zum Beispiel aus fünf verschiedenen
Film-Passagen, wie Explosionen, die zusammen einen fremdartigen Rhythmus bilden
und schlussendlich in den Song eingearbeitet wurden. Diesmal hingegen standen
eher traditionelle Songs und Melodien am Anfang, so dass das Endergebnis anders
klingt.
LEGACY: Ist es schwierig, den
Punkt zu finden, an dem der Song fertig ist, so dass man ihn nicht
überproduziert?
TRENT: Ja, das ist in der Tat
nicht einfach. Diesmal war es nicht ganz so schwierig, wie bei „The Fragile“,
da ich durch dieses Album viel gelernt habe. Damals war ich sehr unsicher
bezüglich meiner Texte. Ich wusste nicht, was ich sagen wollte, war die meiste
Zeit am Arsch und mein Gehirn funktionierte nicht mehr so recht. Was ich jedoch
konnte, war, Musik zu schreiben. Also improvisierte ich viel und machte weiter
und weiter. Eines Tages hatte ich unzählige Songs, aber noch keinen einzigen
Text. Also beendete ich erst einmal die Songs und stellte dann fest, dass
häufig gar kein Platz mehr für den Gesang war, weil so viel anderes Zeugs, das
sich angehäuft hatte, den Platz weg nahm. Nun versuchte ich, mich auf die
wesentlichen Dinge zu konzentrieren und es dabei zu belassen. Am Anfang stand
nun immer der Gesang. Ich möchte nicht behaupten, dass die ein besserer Ansatz
ist, es einfach eine andere Arbeitsstrategie, die zu anderen Ergebnissen führt.
Keine Ahnung, ob ich auch in Zukunft wieder so arbeiten werde. Aber diesmal war
es definitiv der richtige Weg.
LEGACY: Wie lange mixt du an
einem Song?
TRENT: Bei diesem Album dauerte
es meistens nur zwei Tage pro Song. Den Mix habe ich in Los Angeles zusammen
mit Alan Moulder gemacht. Bei „The Fragile“ hingegen konnte es manchmal ewig
dauern. Ich erinnere mich noch, dass wir an „We’re In This Together“ drei
Wochen gemischt haben und ich hätte mich dabei am Ende liebsten aufgehängt, da
wir den Sound einfach nicht richtig hin bekommen haben. Wir hatten diesen Song
so oft gehört und ich hasste ihn schlussendlich regelrecht. Es hat mich so
angekotzt, gegen diesen Song anzukämpfen. Ich habe ihn bis heute nicht live
gespielt, da ich nach dem Mix einfach nur die Schnauze voll davon hatte. Bei
der Produktion des aktuellen Albums gab es keine derlei schwierigen
Situationen. Vielleicht ein paar Problemfälle, aber nichts, das wirklich lange
dauerte.
LEGACY: Du hast dieses Mal also
die Experimente zugunsten der eigentlichen Songs zurück gefahren?
TRENT: Es gab durchaus Experimente,
aber sie bestanden nicht darin, dass ich immer mehr und mehr hinzufügte. Wir
haben die Songs zum Beispiel ganz anders aufgenommen und dabei nach dem Zufallsprinzip
mit vielen Verstärkern gearbeitet, die wir nie zuvor verwendet hatten. Aber ich
wollte es bewusst etwas anderes als “The Fragile“ machen, eine nacktere Platte.
Das schien mir diesmal aufregender.
LEGACY: Deine Produktionen haben
in der Vergangenheit mit jedem Album einen neuen, innovativen Soundstandard
etabliert und viele Musiker haben sich deine Platten wieder und wieder bis in
kleinste Detail angehört und sich gefragt, wie du das bloß machst. Was macht
deiner Meinung den Unterschied aus? Ist es lediglich die teure Technik?
TRENT: Es ist schön, das zu
hören, denn als Alan und ich „The Fragile“ fertig stellten, dachten wir uns,
dass die Menschen nie im Leben glauben würden, wie wir all das gemacht haben.
Ich mag die Idee, ein Album zu produzieren, das auf mehreren Ebenen so gut wie
möglich klingt, nicht nur beim oberflächlichen Anhören. Wenn man meine Scheiben
mit den Ohren eines Engineers hört und seine Aufmerksamkeit auf all die
verschiedenen Soundebenen legt, wird man viele kleine Details entdecken. Es hat
weniger mit teuren Geräten zu tun, als damit, dass ich viel über Dinge nachdenke,
denen die meisten Menschen gar keine Aufmerksamkeit widmen. Jeder Schritt einer
Aufnahme ist eine große Herausforderung, wenn man sich nur etwas damit
beschäftigt. Als wir „The Fragile“ mischten, haben wir zum Beispiel Surround-Sounds in den Stereomix eingebaut,
um die Hörer auf einem unbewussten Level zu fordern. Als das Album dann
herauskam, hatten wir hingegen das Gefühl, dass es niemand richtig angehört
hatte. Zumindest schien niemand all die Mühe zu bemerken, die wir investiert
hatten. Es gibt eine große Menge Produktionstricks und interessante Details auf
„The Fragile“, die in dem großen Berg an Veröffentlichungen verloren gingen,
denn die Scheibe war sehr lang und es war ermüdend auf alles zu achten. Deshalb
ist es umso schöner, nun zu hören, dass es scheinbar doch ein paar Leute gab,
die sich das Album im Detail anhörten.
LEGACY: Brauchst du jemanden wie
Alan Moulder zur Zusammenarbeit, um dich nicht irgendwann selbst in den Songs
zu verlieren?
TRENT: Was ich an der Arbeit mit
Alan mag ist, dass er das unterstützt, was ich machen will. Er verschönert die
Musik, ohne sie zu bekämpfen. Wir sprechen dieselbe Sprache, reden mit dem
gleichen musikalischen Vokabular. Wir können uns auf dieselbe Art Musik
beziehen und wissen, wovon wir sprechen. Er ist wie eine Verlängerung meiner
Hände und meines Gehirns. Manchmal brauchen wir nicht einmal zu reden, um zu
wissen, was der andere denkt. Zudem ist er in Dingen gut, die ich nicht so gut
kann. Deshalb können wir sehr entspannt zusammenarbeiten. Er hilft mir, meine
Visionen umzusetzen und wir müssen keine Kämpfe austragen, um ein gutes
Ergebnis zu bekommen.
LEGACY: Du hast in der
Vergangenheit viele Remixe deiner eigenen Songs angefertigt. Was reizt dich
daran? Hat es damit zu tun, die fertige Version eines Songs nicht akzeptieren
zu können und deshalb immer mehrere verschiedene Varianten ein und desselben
Stückes zu kreieren?
TRENT: Keine Ahnung. Ein
Remix-Album von „With Teeth“ ist vorerst nicht geplant, das fühlt sich im
Moment nicht richtig an. Mein Geschmack hat sich diesbezüglich etwas geändert.
Früher war es für mich immer interessant, meine Platten an Leute zu geben, die
ich respektiere, um zu sehen, wie sie sie interpretieren. Aber viele meiner
eigenen Remixe sind aus heutiger Sicht ganz großer Mist. Damals war es eine
coole Sache. Aber heutzutage habe ich daran kaum noch Interesse.
LEGACY: Hörst du dir deine
eigenen Werke immer wieder und wieder an, wenn sie fertig sind oder packst du
die direkt nach der Produktion zur Seite?
TRENT: Ich musste „With Teeth“
nach den langen Monaten des Mixens, in denen wir die Songs wieder und wieder
gehört haben, einfach erstmal zur Seite packen. Diese Platte endete so, dass
wir eine große Auswahl an Songs für das Album hatten und ich die Entscheidung
traf, welche Stücke wir auf die Scheibe packen. Das nächste große Problem war
es, die Songs in einer Reihenfolge anzuordnen, so dass sie Sinn machen.
Unglücklicherweise habe ich drei Menschen in meinem Umkreis nach ihrer Meinung
gefragt und sie gaben mir drei unterschiedliche Antworten, die alle nicht
meiner Vorstellung entsprachen. Ich habe daraus gelernt, das nicht noch einmal
zu tun. Am Ende griff ich auf meine Variante zurück, da sie sich für mich
einfach richtig anhörte. Danach hörte ich noch ein paar Mal in meinem Auto in
das Album rein und seit gut zehn Monaten lebe ich nun sehr gut damit. Wir haben
kürzlich die neuen Songs mit der ganzen Band eingeprobt, da habe ich mich
wieder mehr mit den Stücken beschäftigt und es fühlt sich nach wie vor frisch
an. Ich wusste seit jeher, dass es eine gute Platte ist, auch wenn ich sie mir
in letzter Zeit nicht mehr allzu oft angehört habe.
LEGACY: Welche Musiker sind auf
dem Album zu hören? Du hast Ex-Nirvana-Schlagzeuger und Foo Fighters Frontmann
Dave Grohl etwa die Hälfte der Drum-Tracks einspielen lassen. Wie kam es dazu?
TRENT: Ich habe alles außer der
Schlagzeug-Spuren selbst eingespielt. Aber ich wusste, dass ich echte Drums
haben wollte, deshalb hat mein Live-Drummer Jerome Dillon die eine Hälfte und
Dave Grohl die andere Hälfte eingetrommelt. Das hat das Album ungemein
aufgewertet. Es war sehr aufregend, denn ich habe Dave Grohl als Person und
Drummer stets sehr respektiert. Als wir im Studio versuchten, zu beschreiben,
was wir uns hinsichtlich des Sounds vorstellten, fiel immer wieder die
Beschreibung, dass die Drums klingen sollen, wie Dave Grohl sie spielen würde.
Eines Tages dachten wir uns, warum fragen wir ihn nicht einfach.
Glücklicherweise war er verfügbar und gleich sehr engagiert. Bevor er ins
Studio kam, hatte er noch keinen Song gehört. Er setzte sich also einfach
hinters Schlagzeug, legte los und es war grandios. Jeder saß nur noch mit einem
breiten Grinsen da. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung.
LEGACY: Was erwartest du dir mit
dem Album? Denkst du über Aspekte wie Ruhm nach oder war es dir nur wichtig, in
musikalischer Hinsicht eine gute Scheibe zu veröffentlichen?
TRENT: Ich hoffe natürlich, dass
es in kommerzieller Hinsicht gut läuft und es viele Menschen mögen. Aber um
ehrlich zu sein, wusste ich lange Zeit nicht, ob ich überhaupt noch einmal ein
Album machen kann. Vor ein paar Jahren hatte ich keine Ahnung, ob ich noch
lange leben würde. Ich musste dringend erst einmal wieder mein Leben auf die
Reihe bekommen. Als ich letztes Jahr anfing, die Songs zu schreiben, war ich
unsicher, ob ich etwas zu sagen habe und ob ich nüchtern arbeiten kann. Ich
hatte Angst, mein Gehirn und mich selbst schon komplett zerstört zu haben. So
weit war es gekommen. Als ich wieder anfing zu schreiben, machte es mich umso
glücklicher, zu sehen, dass ich es überhaupt noch konnte. Es fühlte sich wieder
gut an, Musik zu machen, da ich wieder klar im Kopf war. Als die Platte fertig
war, wusste ich nicht, wie es mit meiner Karriere bestellt war, da ich sehr
lange gebraucht hatte, um in meinem Leben die Kurve zu kriegen. Das Leben als
Drogenabhängiger hat mich schließlich sechs Jahre Pause zwischen zwei Alben
gekostet. Ich habe das beste Album abgeliefert, das in meinen Möglichkeiten lag
und es fühlt sich immer noch gut an. Ansonsten bin ich froh, dass ich dieses
Album überhaupt machen konnte, nun wieder eine gute Live-Band am Start habe und
hier sitze, um dieses Interview zu geben. Mehr kann ich nicht machen,
schließlich kann ich niemanden dazu zwingen, die Scheibe zu kaufen oder sie zu
mögen. Wenn die Leute keinen Zugang dazu finden, ist es enttäuschend, aber
nicht das Ende der Welt. Im Moment überrascht es mich eher, dass nach so langer
Zeit immer noch so viele Menschen ein Interesse an mir haben.
LEGACY: Würdest du mit NINE INCH
NAILS aufhören, wenn du merkst, dass es kaum noch jemanden interessiert oder
ist dir das Projekt als Möglichkeit, dich selbst auszudrücken, so wichtig, dass
es existieren wird, so lange du lebst?
TRENT: NINE INCH NAILS ist ein
Name, unter dem ich arbeite, ein Rahmen, in dem ich Musik schreibe, die in eine
bestimmte Kategorie passt. Wenn ich das Gefühl bekomme, dass es mir nicht mehr
viel bedeutet oder ich eines Tages aufwache und das Bedürfnis habe, nur noch
über Sonnenschein und Hundewelpen zu schreiben, wird es Zeit, außerhalb von
NINE INCH NAILS weiter zu machen und es ruhen zu lassen. Letztendlich muss ich
unabhängig von Erfolg oder Nicht-Erfolg am Ende mit mir im Reinen sein, Ich
habe in meinem Leben zahlreiche dumme Dinge gemacht und viele Fehler begangen,
aber bisher ist es mir zumindest gelungen, NINE INCH NAILS davon rein zu halten
und die ehrlichste Musik zu machen, die mir möglich ist. Jedes Album ist eine
Reflexion meines Lebens zur jeweiligen Zeit und ich habe mir immer Mühe
gegeben, nicht darüber nachzudenken, was für meine Karriere am förderlichsten
ist. Ich kann mit diesem Wissen sehr gut schlafen und ich würde es nicht
aufgeben, nur um die Sache irgendwie am
Leben zu halten oder weil ich Geld brauche. Dazu bedeutet es mir zu viel.
LEGACY: Ist “With Teeth“ das
persönlichste NINE INCH NAILS-Album bisher?
TRENT: Es ist zumindest das
Album, das am ehesten komplett ungefiltert aus mir herauskam und bei dem ich
mir die wenigsten Gedanken darüber gemacht habe, was die Menschen wohl darüber
denken würden. Es ist nicht die hässlichste, wütendste oder verzweifeltste
Platte von mir, aber sie ist auf ihre Weise sehr ehrlich und spiegelt meinen
momentanen Gemütszustand sehr gut wieder. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben,
nicht über die Außenwelt nachzudenken, was ich zuvor bis zu einem gewissen Grad
immer gemacht habe, auch wenn ich mir dessen nie bewusst war. Ich hatte stets
große Angst, dass meine Alben in keine Kategorie mehr passen würden.
Diesbezüglich ist „With Teeth“ ehrlicher.
LEGACY: Hast du Musik generell in
den letzten sechs Jahren mehr zu schätzen gelernt?
TRENT: Sicher. Ich liebte Musik und
meine Karriere immer auf dieselbe Weise. Aber meine Karriere wurde irgendwann
ein großes Ärgernis, da sie mit Wettkämpfen, Ängstlichkeit, Chart-Positionen und
all diesem Mist verbunden ist. Dadurch vernachlässigte ich irgendwann meine
Liebe zur Musik, da es keinen Unterschied mehr machte. Nun weiß ich wieder,
weshalb ich mit dieser ganzen Sache einst begonnen habe, eben aus jener Liebe
zur Musik heraus! Deswegen bin ich hier. Das hatte ich in all dem Rockstartum
irgendwann vergessen. Nun habe ich wieder begriffen, dass mir das mehr
bedeutet, als all die andere Scheiße.
LEGACY: Gibt es noch etwas, das
du abschließend sagen möchtest?
TRENT: Im Moment fühlt sich
wieder alles sehr aufregend an. Wir haben bereits fünf Shows gespielt und es
war großartig, wir hätten am liebsten gar nicht mehr aufgehört. Ich habe jetzt
einen Monat Auszeit für die ganze Presse-Promotion, aber danach geht es ein
Jahr auf Tour, worauf ich mich sehr freue.
LEGACY: Lass uns also hoffen,
dass es nicht wieder sechs Jahre bis zum nächsten Album dauert.
TRENT: Ganz deiner Meinung. Danke
für die Unterstützung.
Sascha Blach
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