Die Abrechnung
Sechs Jahre nach dem ehrgeizigen "The Fragile" wagt
NIN-Mastermind Trent Reznor ein vergleichsweise bescheidenes Comeback - mit
einem schlichten, neuen Album und offenherzigen Bekenntnissen in Sachen Drogen,
Ego und Geld.
Das Mondrian Hotel am Sunset Boulevard von Los Angeles.
Schneeweißer Designerchic, in den Trent Reznor so gut hineinpasst wie ein
Skilift in die Sahara. Nämlich gar nicht. Der Mann ist käsebleich, trägt
pechschwarzes Haar zu schwarzen Klamotten und fühlt sich angesichts eines
zweitägigen Promotions-Marathons merklich unwohl. Aus gutem Grund: "Ich habe schon seit Jahren keine Interviews mehr gegeben und
sie ohnehin nie allzu sehr gemocht", kommt es zwischen dünnen, schmalen Lippen
hervor, während zwei grüne Augen einen nahezu durchbohren. "Und das, was ich
heute zu sagen habe, fällt mir auch nicht eben leicht: Ich bin nämlich clean,
aber pleite", lässt er die Katze aus dem Sack - und nutzt dieses Gespräch zu
einem halbstündigen Seelenstriptease, der an eine Sitzung der Anonymen
Alkoholiker erinnert: "Hi, mein Name ist Trent, ich bin ein Junkie, und ich
stehe dazu."
Denn genau nach diesem Motto rollt, der in den Neunzigern den
Industrie-Rock zum Massenphänomen machte, seinen Sinnkreis auf:
"Es war 2001, als ich eines Morgens aufwachte und erkannte:
Ich bin ein Alkoholiker und ein Drogenabhängiger. Und wenn ich jetzt nichts
dagegen unternehme, werde ich darin krepieren. Ganz einfach, weil ich in
miserabler körperlicher Verfassung war. Ich hatte etliche Probleme, vor denen
ich jahrelang weggelaufen bin, und mein ganzes Leben war ein einziges Chaos. Ich
hatte keine Beziehungen, keine Freunde, nur die Musik. Und auch mit der war ich
nicht sonderlich zufrieden. Also habe ich eine zweijährige Auszeit genommen, um
wieder mit mir selbst klarzukommen."
Wobei er dann allerdings feststellen musste, dass von den
Millionen, die er in den Neunzigern mit seinen Platten und Tourneen verdient
hatte, nichts geblieben ist.
"Mein Manager, mit dem ich fast 20 Jahre zusammengearbeitet
habe, hat mich ausgenommen wie eine Weihnachtsgans, und das zu erkennen, tut
verdammt weh", zischt Reznor. "Ich habe immer gedacht, mir könne so etwas nicht
passieren. Doch jetzt bin ich genau der dumme Rockstar, über die ich immer
gelacht habe. - ich habe mich nach Strich und Faden verarschen lassen und auch
noch artig "danke" gesagt. Deswegen führe ich jetzt einen Prozess, bei dem es
fast so dreckig zugeht wie bei einer Scheidung. Da wird um jeden Cent gestritten
und wirklich alles umgedreht."
Wovon er sich eine Nachzahlung von rund 20 bis 30 Millionen
US-Dollar erhofft. Die er, und daraus macht er keinen Hehl, gut gebrauchen kann.
Schließlich unterhält er mit Nothing Records ein Label, auf dem kaum etwas
geschieht, sein Studio samt Personal verschlingt Unsummen, und sei letztes Werk
"The Fragile" von 1999 blieb weit hinter den Erwartungen zurück.
"Was die Sache nicht gerade leichter macht", so Trent. Denn
er benötigt dringend Geld für Anwälte, Musiker und natürlich das aktuelle Album,
das er zwischenzeitlich komplett im Alleingang aufgenommen hat: "With Teeth"
mit 13 Tracks, die nur noch wenig mit den epischen Klanggemälden des Vorgängers
zu tun haben, sondern laut Trent "richtige kleine Songs" sind. Und die kommen
deutlich minimalistischer und abgespeckter daher, sind nicht mehr so überladen,
sondern stellenweise überraschend simpel und einfach gehalten.
Etwa "Only", ein verspieltes Stück Achtziger Jahre
Synthiepop, das an frühe Pet Shop Boys oder Human League erinnert.
"Das hätte ich mich früher nie zu veröffentlichen gewagt",
gibt Trent unumwunden zu. "Ich hätte Angst gehab, dass es nicht tough genug
klingt und man mich deshalb auslacht. Schließlich hatte ich ein ganz bestimmtes
Image - und habe alles getan, um dem gerecht zu werden. Genau das war mein
Fehler".
Eine unverhoffte Abrechnung mit dem sorgsam gepflegten Rufe
des exzentrischen "Prinzen der Finsternis", den Reznor mittlerweile als
"Monster" bezeichnet.
"Ich habe etwas gelebt, das ich nicht bin, und genau das hat
mich zu diesem todkranken, unglücklichen Menschen gemacht. Daran wäre ich
beinahe gescheitert."
Was nicht bedeuten soll, dass er nun, da er geläutert ist,
das exakte Gegenteil davon wäre. Trent lacht selten bis kaum, verzieht den Mund
allenfalls mal zu einem spöttischen Grinden, betont jedoch, viel glücklicher,
ausgeglichener und auch optimistischer zu sein.
"Ich versuche mein Leben zu genießen, und dazu wird es mit
fast 40 ja auch langsam Zeit", sinniert er. "Das heißt aber nicht, dass ich nun
mit irgendwelchen exotischen Sportarten anfange, sondern ich will wieder Musik
machen, die mir selbst etwas gibt und die nicht nur bemüht ist, einem Image oder
einem vorformulierten Sound zu entsprechen. Ich tue jetzt nur noch das, was mir
gefällt."
Und das ist natürlich nicht bloß Eighties Pop, sondern auch
wieder wütender, grollender Industrial Rock, in dem Trent gezielte Abrechnung
mit seinem früheren Ich, mit falschen Freunden und der Welt an sich betreibt.
Damit geht er in diesen Tagen auch auf Tournee. Unterstützt von seiner neuen
Band, bestehend aus Jeordie White (aka Twiggy Ramirez), Alessandro Cortini,
Jerome Dillon und Aaron North, beackert er zunächst amerikanische Clubs, dann
europäische Festivals und später mittelgroße deutsche Hallen.
"Wir lassen es ganz locker angehen", kündigt Reznor an. "Und
damit meine ich: ohne wilde Partys und wüste Exzesse. Es geht einzig um die
Musik und um circa 25 Songs, an denen ich richtig Spaß habe. Schließlich will
ich die Sache überleben."
Eine weise Entscheidung.
Marcel Anders
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