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Auf der Webseite des Labels "Motormusic"
wurde im April 2007 dieses Interview veröffentlicht.
Hier
der Link zum Originalartikel.
Auf dem neuen Nine Inch Nails-Album "Year Zero" entwirft Trent
Reznor das düstere Schreckenszenario eines totalitären Polizeistaats in den am
Rande des Untergangs stehenden USA des Jahres 2022. Ein Konzept, welches sich
unschwer als Metapher auf heutige Missstände lesen lässt. Wir sprachen mit
Trent Reznor über Verfehlungen der Bush-Administration, die
Vorteile drogenfreien Arbeitens und seine Hoffnungen für die Zukunft.
Bislang betrug die übliche Pause zwischen zwei Nine Inch Nails-Alben
immer fünf Jahre, jetzt hat es nur zwei gedauert. Obwohl man "Year Zero" ja
zumindest inhaltlich sogar als dein bislang ambitioniertestes Projekt bezeichnen
könnte.
Dafür gibt eine ganze Reihe von Gründen, aber der wichtigste
ist sicher, dass ich seit 2001 keine Drogen mehr nehme und nicht mehr trinke. Im
Vorfeld von "With Teeth" brauchte ich einfach eine Menge Zeit, um mich wieder zu
sammeln und gesund zu werden. Die lange Pause nach "The Fragile" war also in
erster Linie diesem Prozess gewidmet. Das "With Teeth"-Album hat mir gezeigt,
dass ich auch nüchtern Musik machen kann, was ja zu beweisen war. Auf der
letzten Tour hatte ich dann auf einmal jede Menge freie Zeit, die ich sonst
immer mit Saufen und Drogennehmen verbracht hatte. Um in dieser Situation nicht
durchzudrehen, hatte ich ständig meinen Laptop dabei und arbeitete wo immer ich
auch war - im Bus, backstage, im Hotel - an allem, was mir so durch den Kopf
schoss. Als wir von der Tour zurückkamen, hatte ich eine Menge interessanter
Ideen gesammelt, die sich aufregend und inspirierend anfühlten. Also habe ich
erst gar keine große Pause gemacht, sondern begann unverzüglich die Ideen
auszuarbeiten, Texte zu schreiben, Konzepte zu entwickeln.
Interessant, dass du tatsächlich am Laptop komponierst. Auch
wenn deine Musik natürlich immer Industrial- und Sample-lastig war, beruht die
Basis der meisten Nine Inch Nails-Songs doch auf einer klaren, klassischen
Melodie. Die meisten funktionieren auch, wie man so schön sagt, am Lagerfeuer.
Bis einschließlich "The Fragile" habe ich fast ausschließlich am
Computer gearbeitet. Diese klassischen Songstrukturen, die du meinst, haben sich
später ganz automatisch eingeschlichen. Was vermutlich durch meine jahrelange
Bestrahlung mit Mainstream-Rock kommt. Dort wo ich aufgewachsen bin, im
absoluten Niemandland, gab es keine andere Musik als das Formatradio. Das war
mein erster Eindruck von Musik, der mich natürlich geprägt hat. Ein Umstand, mit
dem ich allerdings nicht unglücklich bin. Ich denke schon, dass ich fast
unbewusst immer auf memorable Strukturen und klassische Refrains aus bin, ohne
sie hätte ich vermutlich auch nicht so viel Erfolg gehabt. Auf der Basis eines
funktionierenden Songs konnte ich mir vielleicht überhaupt erst die Freiheit
nehmen, so viel mit Sounds zu experimentieren. Das wurde praktisch durch die
Grundstruktur des Songs legitimiert. Bei "With Teeth" hatte ich ständig Rick
Rubin im Ohr, der die Meinung vertrat, ein guter Song müsse grundsätzlich einer
beatle'esken Grundstruktur folgen. Ich denke, da steckt durchaus eine gewisse
Wahrheit drin, weshalb die Basis beinahe jedes Songs auf dem Album auf dem
Klavier entstand. Dieses Mal war es allerdings das exakte Gegenteil. Eine
Reaktion auf die konventionelle Herangehensweise beim letzten Mal. Mir ging es
ganz bewusst um das Zerschlagen konventioneller Strukturen. Mich reizte es, ohne
Rücksicht auf jegliche Regeln einfach nur meinem Gefühl zu folgen. Ich habe
keinerlei Rücksicht darauf genommen, ob die Tracks einen Refrain oder eine
logische Abfolge haben. Natürlich gibt es hier und da Melodien, aber wenn sie da
sind, dann nicht bewusst. Im Wesentlichen bin ich hier also einem rein
improvisatorischen Ansatz gefolgt, was ich als sehr befreiend empfunden habe.
Ich sage nicht, dass das der einzig wahre Weg ist, aber für mich hat es sich
diesmal richtig angefühlt. Vielleicht wird diese Herangehensweise für den Hörer
auch gar nicht so offensichtlich, vielleicht hört sich das ja alles total
strukturiert an, aber so bin ich die Sache angegangen.
Dass deine Songs in einem universalen Zusammenhang und auf ihr Grundgerüst
reduziert funktionieren können, hat ja nicht zuletzt Johnny Cashs Coverversion
von "Hurt" gezeigt. Hast du dich durch Cashs Version geschmeichelt
gefühlt?
Zunächst war das natürlich sehr schmeichelhaft. Dass so ein
großartiger Songschreiber sich für einen meiner Songs entscheidet. Auch wenn
natürlich Rick Rubin "Hurt" ausgesucht hat und nicht Cash selbst. Aber das
Ergebnis hat Johnny zu verantworten und das Ergebnis ist großartig. Und dazu
dann auch noch dieses Video... Die Transformation eines Songs zu beobachten, den
ich in einer sehr intimern Situation im Bett auf meinem Laptop über mich selbst
und meine Verzweiflung geschrieben hatte, zu etwas von universaler Bedeutung,
das offensichtlich das Zeug hatte, das Leben dieser Ikone zu bebildern, war
unglaublich spannend und interessant für mich als Songwriter. Das ist ja durch
das Video fast zu einer Art Epitaph auf Jonny Cashs Leben und Wirken geworden.
Ein für mich sehr inspirierender Moment, der mich wieder einmal an die Macht der
Musik erinnert hat.
Brauchte es das selbstreflektierte "With
Teeth", um mit deiner Drogenvergangenheit abzuschließen und den Weg freizumachen
für die Auseinandersetzung mit großen, universal gültigen Themen? Du hast dich
jedenfalls nie zuvor so explizit politisch geäußert wie jetzt auf "Year
Zero"...
"With Teeth" hat mir jedenfalls mein Vertrauen in mich
selbst und als Songwriter zurückgegeben. Wenn ich auf diese Zeit zurückblicke...
Damals hätte ich geschworen, dass ich so kreativ, mutig und angstfrei im Umgang
mit Musik war, wie ich nur irgend hätte sein können. Aus der Distanz wird mir
jedoch klar, dass ich doch noch sehr zögerlich und unsicher agiert habe. Ich
fragte damals Leute nach ihrer Meinung, deren Ansichten mir sonst völlig egal
gewesen wären. Ich sage nicht, dass das grundsätzlich falsch ist, es passt nur
einfach nicht zu mir. Bei dieser Platte jetzt, "Year Zero", habe ich absolut
niemanden nach seiner Meinung gefragt. Ich war mir meiner selbst und der Musik,
die ich schrieb absolut sicher. Derart überzeugt von meiner Musik war ich
zuletzt bei "The Downward Spiral".
Immerhin anerkanntermaßen
dein bislang bestes Album...
Da hat es funktioniert, in der Tat,
sogar kommerziell. Was man nun wirklich nicht erwarten konnte und womit ich auch
nicht gerechnet hatte. Zumindest nicht in dieser Dimension. Was mir aber viel
wichtiger war, ob die Leute mir das nun abnehmen oder nicht, war, dass es in
künstlerischer Hinsicht funktioniert hat. Damals war das jedoch wegen meiner
Lebensumstände ein kraftraubender, langwieriger Akt, während mir die Arbeit
jetzt erstaunlich leicht gefallen ist. Es hat sich einfach alles wie von selbst
zusammengefügt.
Zumindest am inhaltlichen Konzept wirst du aber
doch schon etwas länger gebrütet haben, oder?
Ganz im Gegenteil.
Diese Geschichte tauchte plötzlich in meinem Kopf auf und nahm dann unfassbar
schnell Gestalt an. Im August 2006 fing ich an. Zu dieser Zeit hatte ich noch
keinen Titel für das Album und auch noch keine Songs. Was ich aber hatte, war
eine Menge Musik und einige Ideen für Songtitel. Als ich mir diese Titel dann
anguckte, fiel mir auf, dass sie auf wundersame und vorher nicht geplante Weise
alle meine in diesen Tagen häufig empfundene Scham meine Herkunft betreffend
ausdrückten. Diese Gefühle wollte ich thematisieren, fürchtete aber, nicht die
richtige Form zu finden, um die Aufmerksamkeit der Leute zu erlangen. Niemand
will schließlich platte Anti-Bush-Phrasen hören, so was ist billig und
selbstgefällig. Man verändert nichts mit solchen Plattitüden, sondern
schmeichelt sich nur selbst.
Capital G scheint aber schon
ziemlich deutlich auf George W. zugeschnitten zu sein,
oder?
"Capital G." bedeutet "Greed". Aber natürlich könnte es in
diese Richtung interpretiert werden. Jedenfalls bestand die selbst gestellte
Herausforderung für mich darin, wie ich diese Themen in eine geeignete Form
packen könnte. So kam ich auf die Idee, die aktuellen Entwicklungen in der Welt,
in der wir leben, einfach konstant weiterzuspinnen und mir ihre unausweichliche
Konsequenzen vor Augen zu führen.
Die ja in der Tat mannigfaltig
sind. Unter anderem wäre hier die Klimaveränderung zu nennen, von deren nach
heutigem Stand der Forschung wahrscheinlichen Auswirkungen du ja indirekt selbst
betroffen warst. Du hast lange in New Orleans gewohnt und bist erst kurz vor dem
Hurrikan Katrina von dort weggezogen. Wie hast du die Katastrophe
erlebt?
Lass mich zunächst etwas Generelles über das Leben und
Aufwachsen in den USA sagen. Und ich bin weiß Gott nicht stolz darauf, das zu
sagen, es erfüllt mich vielmehr mit Scham. Jedenfalls werden wir hier vom Tag
unserer Geburt an darauf trainiert, sämtlichen Dingen außerhalb unseres
Mikrokosmos keine Beachtung zu schenken. Kriege, Katastrophen, Terroranschläge -
all diese Dinge passieren immer nur woanders. Zur Zeit des Hurrikans war ich in
L.A. und saß eine Woche fast ununterbrochen vor dem Fernseher. Das war eine der
schmerzhaftesten Wochen in meinem Leben. Jede Kameraeinstellung, jedes Bild in
der Zeitung, jede Straßenecke war mir vertraut. Ich habe 14 Jahre in dieser
Stadt gelebt und mit einem Mal war all das nicht mehr da. Auf der einen Seite
war das natürlich zunächst einmal einfach eine Naturkatastrophe, für die man
nicht direkt jemanden verantwortlich machen konnte. Das Schlimmste war aber die
unfassbare Inkompetenz zu erleben, mit der die verantwortlichen Stellen der
Katastrophe begegneten. Zu sehen, wie die von der Gesellschaft Vergessenen auf
den Dächern ihrer zerstörten umfluteten Häuser saßen, ohne dass sich
irgendjemand um se gekümmert hätte. Ich sah eine Menge Prominente und
Fernsehteams mit ihren Booten durch die überfluteten Straßen schippern und die
Opfer wie Zirkusattraktionen bestaunten. Und nicht einer von ihnen hat gesagt:
"Hier, nimm meine Hand, ich helfe dir", oder: "Kommt zu uns, wir haben Wasser."
Und dann das furchtbare Durcheinander, das die von Bush ins Amt gehoben Chargen
aus dem Ministerium für den scheiß Heimatschutz verursachten, ohne jegliche
Effektivität zu erzielen... Ich meine: Wenn du in deinem Job derart grobe Fehler
machen würdest, dass du damit zigtausende Menschen in den Tod bringen würdest,
was würde wohl passieren?
Man würde mich vermutlich
rausschmeißen. Exakt. Aber diese Leute sind alle noch in ihren gutsituierten
Ämtern!Denkst du, dass mit Hillary Clinton oder Barack Obama
irgendetwas zum Besseren wenden könnte?
Ich denke, jeder andere ist
besser als George W. Bush. Ich würde sehr gerne glauben, dass die Leute zu
verstehen beginnen, wem sie da die Macht gegeben haben, was diese Regierung
wirklich für unser Land bedeutet. Allerdings glaube ich auch, dass einige auf
Bush zurückzuführende Entwicklungen so katastrophal sind, dass sie unumkehrbar
sind. Obama macht einen viel versprechenden Eindruck, aber ich glaube nicht,
dass Amerika wirklich reif für einen schwarzen Präsidenten ist. Man darf einfach
das Gros der Bevölkerung in der Mitte des Landes nicht vergessen. Dasselbe
könnte man auch über eine Frau sagen. Und ich glaube einfach nicht, so sehr ich
es mir wünschte, dass meine Meinung in irgendeiner Form repräsentativ für dieses
Land ist. Man wirft Obama ja gerne seine politische Unerfahrenheit vor. Gerade
das ist meiner Meinung nach aber ein eindeutiger Pluspunkt, weil es ja bedeutet,
oder bedeuten könnte, dass er noch nicht so korrumpiert ist von der
Politikmaschinerie. Es wird interessant, zu beobachten was passiert. Gefährlich
wird allerdings die Infrastruktur, die die Republikaner in den letzten Jahren
installiert haben. Die Tatsache z.B., dass die ohnehin umstrittenen
Wahlmaschinen privatisiert wurden. Wie zur Hölle konnte das passieren? Die
unglaubliche Macht, welche Lobby-Verbände ausüben können. Und dann natürlich die
Infiltration der öffentlichen Meinung durch die Medien. "Fox News" ist die
ultimative Propagandamaschine, der Bush-Kanal. Diese Leute sind ja nicht doof.
Dieses System ist auf allen Ebenen bis ins letzte Detail durchgeplant, es ist
genial, das muss man anerkennen, und, das Schlimmste: es funktioniert! Diese
Infrastruktur zu durchbrechen wird allen Gegenkandidaten bei den nächsten Wahlen
eine Menge abverlangen und ich weiß nicht, ob das funktionieren kann.
Der letzte Song, "Zero Sum", lässt deine persönliche Prognose,
wo all diese Entwicklungen tatsächlich hinführen werden, ein bisschen im
Unklaren: Endgültiger Untergang oder Neuanfang?
Dieses offene Ende
ist zunächst einmal rein dramaturgischer Natur. Um mir die Option für ein "Year
Zero Part II" offen zu halten, an dem ich im Übrigen bereits arbeite. Über den
tatsächlichen Ausgang bin ich mir allerdings noch nicht im Klaren, da musst du
mich beim nächsten Mal fragen.
Und in der realen Welt, wie
optimistisch bist du für uns alle?
Im Moment gibt es nicht besonders
viele Anlässe, optimistisch zu sein: Die Klimaveränderung, der Einfluss der
Ölindustrie auf die Politik und die damit einhergehende Unterdrückung
alternativer Konzepte zur Energiegewinnung und natürlich die Kriege, die wir
deswegen führen - man könnte diese Liste endlos fortführen, es gibt so viele
Aspekte der Welt aus "Year Zero", die bereits jetzt Realität geworden sind.
Vielleicht kann ich ja wenigstens ein bisschen dazu beitragen, ein paar Leute
aufzuwecken.
Eine letzte Frage: Du kritisierst totalitäre Regime
und die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung. Wie passt das mit im Vorfeld
des Interviews herausgegeben Verhaltensmaßregeln für dieses Interview
zusammen?
Wie bitte?
Wir bekamen eine Email mit
exakten Verhaltensmaßregeln.
Das wusste ich nicht einmal! Ernsthaft:
Du kannst mich fragen, was du willst.
Text: Torsten Groß
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