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Eine komplett neue Zeitrechnung hat sich Trent Reznor für das neue
Album von Nine Inch Nails ausgedacht. Aus einem Tagtraum baute er die dunkle
und bedenklich realistische Zukunftsversion des „Year Zero“ – den perfekten Nährboden
für die gleichnamige Platte. Aber es geht um mehr. Denn das Year Zero befindet
sich längst im System. Im Internet, auf T-Shirts in unseren Schränken, unter
Telefonanschlüssen irgendwo in den USA, im Trinkwasser, auf Toiletten in
Lissabon und Manchester. Scheinbar unkoordiniert gestreute Dokumente,
Neuigkeiten aus der Zukunft. Gestreut werden sie aus dem musikalischen
Untergrund Amerikas.
Eine neumodisch gestaltete Massentoilette
im Keller einer Kölner Konzerthalle: Die Bässe vom Konzert pumpen die Kacheln
fast aus den Wänden. Die Frau am Tisch, die Schokoriegel und Kaugummis
verkauft, liest Zeitung. Ob sie ahnt, dass sie heute Statistin im „Year Zero“
werden kann? Wohl kaum. Ihr werden die paar Menschen mit dem Schriftzug ‚NIN‘
auf ihrer tendenziell dunklen Kleidung nicht mal aufgefallen sein, deren Blicke
öfter als sonst über den Boden des Waschraums schweifen. Ein paar Freaks, ein
paar Leute, deren Lieblingsband hier heute Abend spielt. Und selbst wenn ein
paar von ihnen länger als sonst selbstvergessen die Papiertücher auf dem Boden
umher treten, suchend in die Ecken gucken oder ab und zu sogar blitzschnell
niederknien, um unter den Klotüren durchzuschauen — selbst dann: nichts
Weltbewegendes.
Am 10. Februar 2007 begannen die
amerikanischen Pioniere des Elektronikrock, Nine Inch Nails, ihre aktuelle
Europa-Tournee in Lissabon. Und wie auf jeder Nine-Inch-Nails-Tournee kauften
sich einige der durchaus als leidenschaftlich bekannten Fans an diesem Abend
ein Tour-T Shirt. Wenig später entdeckte ein Käufer auf der Rückseite seines Shirts
in den aufgelisteten Tourneedaten, dass sich einige Buchstaben leicht von den
übrigen abhoben. Er schrieb diese Buchstaben auf und setzte sie zusammen. Sie
ergaben den Satz „I Am Trying To Believe“. Googelt man diesen Satz im Internet,
gelangt man zu der URL iamtryingtobelieve.com. Schwer zu entziffern, offenbar
in der Übertragung gestört und im Antlitz eigentlich eher Datenmüll verkündet
die Seite auf Englisch: „Parepin-Informationen, die Sie wissen müssen“.
Zusammengestellte Zeitungssauschnitte verraten: Parepin ist ein gegen „Bio-Terrorismus“
immunisierendes Medikament, das die Regierung trotz Protesten der Bevölkerung
dem Trinkwasser zusetzen lässt. Der Mann hinter iamtryingtobelieve.com behauptet
nun, der Entzug von diesem Medikament verursache keineswegs die von der
Regierung prophezeite Paranoia, sondern eher Klarheit. Die Seite beschließt mit
der Frage: „Was, wenn Parepin Bio-Terrorismus ist?“ Eine Verschwörungstheorie.
Die Zusammenhänge verschwimmen weiter durch gesammelte Fotos und Informationen
zu etwas namens „The Presence“, der Erscheinung einer riesigen Hand, die sich
aus dem Himmel auf die Erde streckt. Auf eine Mail an eine kaum zu erkennende
Adresse folgt umgehend eine automatische Antwort. „Vielen Dank für Ihr
Interesse. Es ist nun klar für mich, dass Parepin ein komplett sicherer und
effektiver Wirkstoff ist, um uns vor Bio-Terrorismus zu beschützen. Die
Administration handelt im besten Interesse ihrer Bürger. Anderes anzunehmen war
unverantwortlich, und ich bereue dies zutiefst. Ich trinke das Wasser, so
sollten sie es tun.“
Fast parallel zur Entdeckung von
iamtryingtobelive.com gelangt ein brandneuer Nine-Inch-Nails Song ins Netz.
Gefunden wurde er am selben Abend in Lissabon in der Ecke der Club-Toilette - auf
einem USB-Stick. Umgehend formieren sich neue Communities und Foren, in denen Nine-Inch-Nails-Anhänger
diese spektakulären Funde diskutieren. Sie stellen erste Theorien auf. Suchen
weiter. Und finden immer mehr. Neue Websites mit einer ähnlich kryptischen Ästhetik
werden gefunden. Ihr Zugang versteckt sich in Codes auf alten
NIN-Veröffentlichungen oder in Morsezeichen am Ende einer Tonaufnahme, die man
hört, wenn man eine amerikanische Telefonnummer anruft, die ebenfalls auf
besagtem Tour-Shirt versteckt ist. Ganz Schlaue finden sogar bei einer
Spektralanalyse des USB-Stick Songs in dessen Audiospur ein Abbild von „The
Presence“.
Am 26. Februar wird ein weiterer
USB-Stick während eines Konzertes in Manchester auf einer Toilette gefunden.
Darauf gespeichert ist das Video zur neuen Nine-Inch-Nails-Single „Survivalism“.
Selbst die Musiksender und die Plattenfirma der Band gelangen erst durch diesen
Fund an den Clip. So langsam ahnen auch sie, dass sie Statisten eines
neuartigen Versteckspiels sind, das gerade erst begonnen hat. Nach und nach
fügt sich das Puzzle zusammen. Der Suchende erfährt über Militäreinsätze der
USA in Pakistan, dem Tschad, Syrien oder dem Jemen. Der versteckte Blog eines
Ex-Militär-Veterans berichtet vom US-Atombombenabwurf auf die iranische
Hauptstadt Teheran. Ein NIN-Fan findet schließlich eine Seite, die an ein
Bombenattentat auf die 81. Oscar-Verleihung im so genannten Jahr - 13 BA
erinnert. Und seitdem ist klar: Bei den Fun en handelt es sich um Nachrichten
und Dokumente aus einer neuen Zeitrechnung, deren Jahr Null offenbar das Jahr
2022 ist. In dieser Zukunft herrscht ein despotisches, fundamentalistisches
Regime, das seine Bevölkerung mit der Droge Parepin unter dem Vorwand des
Schutzes vor mysteriösen Gegnern manipuliert. Hinzu spinnt sich ein Rätsel um
die besagte, bisher nur amateurhaft dokumentierte Erscheinung von „The
Presence“. Die schmückt im Jahr -15 BA, also im Jahr 2007 unserer Zeit, das
Cover des sechsten Nine-Inch-Nails-Albums „Year Zero“. 33 Tage vor
Veröffentlichung desselben blättert die Frau vor den Toiletten in ihrer Zeitung
und denkt sich nichts. Die Bässe pumpen, die Show läuft seit ein paar Minuten.
Nur ein paar Gestalten schleichen durch die Toilette, den Blick suchend nach
unten gerichtet.
Um 8Uhr am nächsten Morgen ist
klar, dass es aus Köln nichts Neues zu berichten gibt. Längst stünde es im
Netz. Wie alles andere von gestern Abend: die Setlist, Trent Reznors Ansagen
als Audiodatei, Konzertberichte. Das bisherige Protokoll der „Year
Zero-Schnitzeljagd findet sich im deutschen Forum yearzero.de oder auf der
eigens dafür eingerichteten Wikipedia-Homepage ninwiki.com. Jetzt betritt erst
einmal der Meister selbst den Raum. Kurze, schwarze Haare, schwarzes Shirt,
schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Socken, schwarze Chucks und er selbst:
frisch wie der Morgen.
VISIONS: Trent, 20 Minuten für so
ein weites Feld.
Trent Reznor: Tut mir leid. Ich
werde schnell sprechen.
VISIONS: Was wirst du am
Silvesterabend 2021 machen?
Reznor: 2021? Mal sehen... Nun,
hoffentlich werde ich noch am Leben sein... Und hoffentlich wird die Welt noch
hier sein. (überlegt) Ich bin ein Low-Key-Silvester-Typ. Ich brauche einen isolierten
Ort und jemanden, der mir wichtig ist. Ich konnte noch nie den richtigen Platz
für diesen Abend finden und dachte immer, jeder andere Mensch hätte mehr Spaß
als ich.
VISIONS: Das Jahr 2022 spielt
seit kurzem eine besondere Rolle in der Nine-Inch-Nails-Welt.
Reznor:Ja, also... Wo fängt man
da an?! (überlegt) Weißt du, ich habe schon auf der „With Teeth“ Tournee an der
neuen Platte gearbeitet. Vieles habe ich damals in Hotelzimmern, Backstage und
auf Busfahrten aufgenommen. Ich merkte, dass diese kreative Limitierung sehr
cool war. Die Ergebnisse klangen besonders. Ich konnte nicht einfach ein
Schlagzeug aufnehmen, weil es keines gab. Ich hatte meistens nicht einmal eine
Gitarre. Ich werde nicht immer so Musik machen, aber dieses Mal machte es Spaß.
Die Musik war dann im letzten Sommer fertig, und ich fragte mich, in welche Richtung
diese Platte textlich gegen soll. Ich weiß schon länger, dass ich keine Texte
auf Tour schreiben kann. Ich brauche dafür Zeit, ich muss mich in die Songs
hineindenken. Wenn ich weiß, dass ich in zehn Minuten etwas anderes machen muss
oder die Tür sich ständig öffnen wird und Leute mich nerven, kann ich mich
nicht konzentrieren.
VISIONS: Die Idee zum Konzept von
„Year Zero‘ kam dir also erst, nachdem ein Großteil der Musik stand?
Reznor: Das ganze Experiment
begann eigentlich mit einem Geräusch auf meinem Laptop, das mich in einen
kurzen Tagtraum über das Ende der Welt zog. Diese Idee walzte ich aus. Als ich
erst einmal begonnen hatte, fielen alle Teile ineinander. Ich wollte eine
Platte darüber schreiben, wie es sich anfühlt, heutzutage ein Amerikaner zu
sein; Teil eines Landes, das mit voller Kraft in die falsche Richtung rast. Ein
Land, dessen Regierung den Rest der Welt und seine eigenen Bürger mit einer
derartigen Arroganz gegen übertritt, dass sich das Ganze für mich anfühlt wie
das klassische Ende eines Imperiums. Wir überschreiten gerade eine Grenze. Es
macht mich und viele andere Amerikaner regelrecht krank, wie die Regierung die
Linien zwischen Religion und Politik verwischt. Sie steuern uns in den
Wahnsinn.
VISIONS: Was...
Reznor: Was ich allerdings nicht
wollte, war eine Platte namens „Checkin‘ George Bush“ oder so — also plump
herummeckern. Das haben genügend andere getan, das will niemand mehr hören,
Außerdem wird das nichts verändern. Entweder du glaubst an diesen Schwachsinn
oder nicht. Also heiratete ich eine der großen Lieben meines Lebens: Science Fiction.
Das gab mir die Möglichkeit, von diesem direkten Ansatz wegzukommen. Ich
stellte mir eine einfache Frage: Was würde passieren, wenn wir so weitermachen?
Ich spielte mit dieser Idee herum und überlegte, wie ich sie in Fiktion
umsetzen könnte. Wie lang würde es noch dauern, bis es kippt? 15 Jahre schienen
mir die richtige Spanne zu sein. Das ist nicht allzu viel, aber durchaus
realistisch.
VISIONS: Diese Zukunftsvision
wird nun verbreitet durch unterschiedlichste Dokumente und versteckte
Botschaften, die scheinbar willkürlich gestreut werden. Wie kamst du auf diese
Idee?
Reznor: Wie lange hast du denn
mit dem Thema zugebracht?
VISIONS: Rund zwei Tage.
Irgendwann muss man ja wieder aufhören.
Reznor: Und? Hat es Spaß gemacht?
VISIONS:ja.
Reznor: Deshalb mache ich das.
Wie es funktioniert, fasziniert mich. Für mich bestand wie gesagt das Problem
der Umsetzung der „Year Zero“ Idee ziemlich lange. Irgendwann begann ich
einfach, in jedem kleinsten Detail aufzuschreiben, wie diese Welt aussieht. Wie
es dazu kam, welches politisches Klima dort herrscht, welches religiöse... Was
wird mit dem Wetter passiert sein zu diesem Zeitpunkt? Ich malte ein komplettes
Bild. Die Songtexte schrieb ich dann aus den Perspektiven von Menschen in
dieser Welt. Meist spielen die Songs in dem Moment, in dem diese Menschen
Klarheit über ihre Situation erlangen. „Wie klingt dieser Moment?“, fragte ich
mich.
VISIONS: Damit singst du zum
ersten Mal nicht vornehmlich über dich selbst.
Reznor: Ja, zum ersten Mal
versuchte ich so etwas. Natürlich ergaben sich Überschneidungen zwischen meinem
Leben und der Geschichte, aber ich versuchte, als dritte Person aufzutreten,
als Erzähler. Ich fand es sogar einfacher, es gab mir alle Freiheiten. Als die
Welt schließlich komplett war, stellte sich mir das Problem, wie ich sie den
Menschen vermittle. Zum einen kann die Platte natürlich für sich alleine
stehen. Du kannst dich hinsetzen, sie hören und schreiben: „Das ist eine gute,
harte Platte blablabla…“ All den ganzen Mist. Aber wie sollte ich den Kontext
vermitteln?
VISIONS: Ein Film vielleicht?
Spekulationen dar über gibt es ja.
Reznor: Habe ich lange überlegt.
Aber das hätte ewig gedauert, ich hätte Menschen um Geld fragen müssen, die
mich nicht verstehen, ich hätte mich erklären müssen. Ehrlich gesagt habe ich
da überhaupt keinen Bock drauf.
VISIONS: Ein Buch?
Reznor: Ja, aber ich dachte mir,
dass ergänzende Texte im Artwork der Platte oder Webpages ausreichen würden und
der Musik zudem viel mehr helfen. Ich wollte den Menschen, die sich für Nine
Inch Nails interessieren, einen Grad der Tiefe anbieten, den sie selbst
gestalten können und der, wenn sie wollen, weit über das hinausgeht, was sie
sich vorstellen. Ich wollte eine Sache, die mitten in ihr Leben eindringt. Ein
Tool, das dich von hier auf jetzt mitten in die Geschichte wirft. Internet-Communities,
die sich im Idealfall gründen, entdecken eine Welt, die ich so aufgebaut habe,
dass sie echt genug ist, um realistisch zu sein. Sie ist eigentlich fast echt.
Und sie wächst in unsere Welt durch die Leute, die sie entdecken und sich
darüber mit anderen austauschen. Es hat ja gerade erst begonnen. Das ist eine
Geschichte mit rund (zuckt mit den Schultern) 100 Kapiteln oder so. Momentan
haben sie Kapitel 2, 7, 8, 96... Ich habe arrangiert, wie ich ihnen etwas
zeigen will, das sie aber selbst finden müssen: „Das könnte zu dem passen,
diese Nummer zu dieser Website Es gibt mir eine gewisse Genugtuung. die Leute
nun zu beobachten auf dem richtigen oder falschen Pfad.
VISIONS: In ihrer abstrakten,
dunklen, futuristischen Ästhetik passt diese Welt ziemlich gut zu Nine Inch
Nails‘ Musik.
Reznor: Ja, manches soll ganz
bewusst eine gewisse Paranoia auslösen. Die Entdeckung und dieser sofort
aufschießende Gedanke: Scheiße. sollte ich hier sein?“ Das alles sind Zustände,
die man schwer aus einem Buch bekommt. Hier geht um einen neuen Weg, eine
Geschichte zu erzählen, aus der jeder seine eigene machen kann. Ich hasse
nichts mehr als desillusionierende Filme. Niemand auf dieser Welt dachte, als
er das Buch „The Da Vinci Code“ las, die Hauptperson sehe aus wie Tom Hanks.
Kein Mensch! Solche Momente wollte ich unbedingt vermeiden.
VISIONS: Aber wie bewerkstelligt
man den Aufwand einer solch ausgeklügelten ‚Propaganda‘? Gerüchte besagen, dass
dahinter die berühmte Marketing-Agentur ‚42 Entertainment‘ steht, die
allerdings kein Kommentar zu dem Thema abgeben will. Deine Plattenfirma
schreibt derweil, Reznor habe das Medium Internet und die virale Verbreitung
mit Hilfe seiner zahlreichen Fans bereits seit geraumer Zeit als sein
Promotion-Instrument Nummer Eins erkannt.“ Sprich: Das ganze riecht auch nach
einer Marketing-Kampagne, die sich, einem Virus gleich, scheinbar ungesteuert
verbreitet.
Reznor: Hier ist die Wahrheit:
Rob Sheridan ist mein Art-Director und mein bester Freund. Wir machen das
gesamte Nine-Inch-Nails-Artwork zusammen. Wir denken in vielen Angelegenheiten
gleich. Irgendwann während der Überlegungen zum Konzept fiel Rob und mir die
Werbekampagne für „Artificial Intelligence: A.I.“ ein, diesen
Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick, den Stephen Spielberg fertig stellte.
Da gab es im Vorfeld des Filmstarts diese Kette von Tipps im Internet, welche
die Hintergrundgeschichte zum Film lieferten. Rob und ich waren begeistert
davon. Wir konnten nicht glauben, dass jemand diese Welt schuf, aus der der
Film erst resultierte. Wir suchten also und fanden auch die Leute, die dafür
verantwortlich waren. Ich sagte ihnen: „Hört mal, woran ich sicher nicht
interessiert bin, ist, dass das hier eine Marketingkampgane wird. Ich will
nicht, dass ihr etwas kreiert, mit dem ich Platten verkaufe. Alles was ich habe
ist eine Geschichte. Hier! Ich würde diese Geschichte gern in die Welt sähen.
Ich brauche Hilfe von den besten und verrücktesten Typen auf diesem Gebiet.“
Und glaub mir, diese Typen sind verrückt.
VISIONS: Verrückte sind oft nicht
billig. Wer hat das bezahlt?
Reznor: Ich. Ich habe sie
engagiert. Ich habe einfach nur ähnlich tickende Menschen gefunden, die etwas
gut können, dass ich nicht kann. Was allerdings mein Herz gebrochen hat war,
dass gleich eine der ersten öffentlichen Reaktionen war, dass das eine
Marketingkampagne ist. Ich meine...ich bin natürlich kein Idiot. Ich weiß, dass
diese Aktion Menschen für die Platte interessiert. Aber das hier ist kein neuer
Weg, dir etwas zu verkaufen so wie ein beschissener Klingelton, eine Konzertkartenverlosung
oder ein Werbespot. Die Platte und die Geschichte sind gleichermaßen wichtig.
Das, was all diese Menschen gerade im Internet machen, ist genauso das Erlebnis
„Year Zero“ wie die Platte.
VISIONS: Deine Plattenfirma
dürfte zudem nicht wirklich glücklich darüber sein, dass du, so wie es momentan aussieht, alle
Songs noch vor der Veröffentlichung verschenken willst. Du stellst sie ins Netz
oder wirfst sie auf USB-Sticks in Toiletten.
Reznor: Die Plattenfirma ist
sicherlich nicht froh darüber. Sie verstehen nicht, was ich gerade mache. Das
ist aber auch ganz gut so, denn wenn denen bewusst würde, dass ich bereits fünf
meiner Mastertapes irgendwie veröffentlicht habe... Ich werde sogar das gesamte
Album in seinen einzelnen Aufnahmespuren veröffentlichen, mit denen die Leute
dann ihre eigenen Versionen der Songs basteln können. Für mich ist das eine coole
Sache! Ich würde mir das sofort herunterladen. Selbst bei Bands, die ich
beschissen finde. Und vor allem demontiert es diesen Schwachsinn, dass Musik
nur uns Künstlern gehört. Diesen Copyright-Kram... Fuck all that! Es ist Musik.
Es ist dafür da, entdeckt zu werden und geteilt. Und das ist das Schöne an der
Technik. So wie ich gerade „Year Zero“ erzähle, wäre es vor Jahren nicht möglich
gewesen. Diese Geschichte benutzt unsere aktuellen Kommunikationswege. Ich
zumindest schreibe längst mehr E-Mails, als dass ich telefoniere.
VISIONS: Im „Year Zero“ scheint
es eine offizielle Realität und eine tatsächliche, beängstigende Realität zu
geben. Der Leitspruch der Regierung ist „Freiheit ist ein Privileg, kein
Recht.“ Die Gegen-Öffentlichkeit hingegen spricht in den Songs zum Hörer von
heute, formiert sich unter einer Flagge und schickt immer wieder Aufschreie aus
dem Untergrund. Siehst du Nine Inch Nails als Undergroundband?
Reznor: Ich weiß, was du meinst.
Ich stimme dir auch zu: Wir sind bei einer riesigen Plattenfirma, wir haben
einiges verkauft... Aber ich hatte nie den Eindruck, dass wir umarmt wurden vom
Fernsehen, und auf keinen Fall vom Radio. Meiner Ansicht nach war es nie cool,
Nine Inch Nails zu hören. Niemals. Wir waren nicht im Grunge Movement, im
Raprock-Movement, sind ganz sicher nicht in diesem Scheiß-Emo-Movement, oder
wie auch immer man Fall Out Boy nennt. Außer Scheiße. Bevor diese Tournee
begann, spielte ich die Platte meiner Plattenfirma vor, und ich konnte es
förmlich riechen. ,, Oh, du hast keine Hits auf der Platte!“ Ich konnte die
Enttäuschung in ihren Gesichtern lesen. Wenig später besuchte ich ein paar gute
Freunde, die Queens Of The Stone Age. Josh beendete gerade seine neue Platte,
und ganz ehrlich: Das war mit das Beste, was ich je gehört habe. Cool, dunkel,
es klang, als seien die Boxen kaputt. Interessante Musik! Josh aber war
schlecht drauf. Er sagte:
„Die Plattenfirma wünscht sich,
ich würde noch mal rangehen, damit die Platte im Radio gespielt wird.“ Ich
meine, Josh Homme hat nicht gerade erst angefangen, ich sicherlich auch nicht,
und wir sind immer noch mitten in diesem Kampf von Kommerz gegen Kunst. Die
Plattenfirmen haben Angst. Sie brauchen große Verkäufe. Alle meine
Lieblingsbands aber machen völlig sperrige, herausfordernde Musik. Das tut man
doch nicht, um berühmt oder reich zu sein. Das tut man, um etwas zu verändern.
Selbst mir werden ja immer noch Steine in den Weg gelegt. (lacht) Inzwischen
ist es eigentlich so: Würde ich merken, dass es seitens der Plattenfirma zu einfach
wird, wüsste ich schon, dass etwas falsch läuft. Hast du die neue Platte
gehört?
VISIONS:Ja, einmal. Eben gerade.
Reznor (zeigt auf die Anlage im
Hotelzimmer) Auf dem Ding da? Das wird es nicht bringen.
VISIONS: Wie soll die Platte denn
klingen? Sie scheint überraschend hart, dunkel, sperrig und regelrecht
überladen an Ideen.
Reznor: Sie ist ja wie gesagt
mehr eine Soundcollage. Viel Spielerei ist dabei. So etwas selbst zu erklären,
ist schwierig. Die Platte ist sehr voll, sehr lang, es ist viel Musik drauf und
ich denke, man muss sie schon ein paar Mal hören. Sie ist relativ aggressiv,
tanzbar und man kann zu ihr ficken. Wenn man drauf steht.
VISIONS: Und wieder hast du alles
alleine gemacht. Selbst beim End-Mix mit deinem lang jährigen Partner Alan
Moulder hast du noch ganze Refrains umarrangiert. Bist du nicht doch der
Perfektionist, zu dem man dich gern abstempelt?
Reznor: Ich weiß nicht. Es ist
sicherlich so, dass ich dich nichts von mir hören lassen würde, ohne dass ich
das Beste aus ihm rausgeholt hätte. Ich habe schon konkrete Vorstellungen, aber
ich bin kein 100-Take-Mann. Nicht mal im Ansatz. Vieles auf dieser Platte
geriet eher zufällig auf sie. Im ersten Take. Viele der Sachen, die ich mache,
könnte ich dir nicht erklären. Ich denke, dass etwas Emotionales viel wichtiger
ist als die richtige Technik oder Grammatik. Wenn es mich berührt oder das
einfängt, was ich will, dann nehme ich es. Wenn es sich etwa so anfühlen soll
wie „Furcht“ oder „Ekstase“ oder „Sorglosigkeit“ — dann schleiche ich um diese
Gefühle herum, bis ich sie bekomme. Aber ich bin kein klinischer Perfektionist.
Alles ist erlaubt und geht auch meistens sehr unbesorgt vonstatten. Es ist mir
egal, ob etwas von einem Tape, über ein Handy oder sonst woher kommt, wenn es
den Klang trifft.
VISIONS: Hat sich irgendetwas für
dich in deiner Beziehung zu dem Song „Hort“ geändert, nach dem Johnny Cash ihn
gecovert hat? Gespielt hast du ihn ja immer und immer wurde er feierlich
begrüßt. Aber die Ruhe gestern Abend beim Konzert war schon etwas Besonderes.
Reznor: (grinst) Vielleicht ja.
Vielleicht hat sich etwas verändert. Ich spiele das Lied, seit es gecovert
wurde, live sogar noch ein wenig reduzierter. Einfach weil ich es noch ein
wenig mehr respektiere. Durch die Coverversion wurde der Song von dort, wo er
aufgewachsen ist, genommen und in ein anderes Leben gesetzt. In einer extrem
würdevollen Art. Das war schon eine seltsame Erfahrung. Es war ja immer so bei
mir und meiner Musik: (verschränkt die Arme) „Das ist meins!“ (lacht) Und nun
nahm er mein Herz und machte es zu seinem. Der Song hat sich sicher verändert.
Er ist jetzt woanders. Aber ihm zuzusehen, wie das mit ihm passierte, war
ziemlich großartig für mich. (überlegt) „Hurt“ war schon immer ein extrem
wichtiger Song für mich.
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