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Rolling Stone

 

März 2002

 

 

 

Autor: Schliemann

 

 

* * *1/2

Nine Inch Nails

And All That Could Have Been

Motormusic

Trent Reznor arbeitet hart und müht sich um künstlerischen Ausdruck

Ganz am Ende von „Hurt“, dem letzten Stück auf dem Live-Album der Nine Inch Nails, hört man einen grollenden Ton, der einschüchternd an schwillt und dann (kurz vor dem Orgasmus) verschwindet. Alles still, kein Fade-Out oder Applaus. So hätte die Aufzeichnung von einem der berühmten Konzerte geklungen, bei denen Trent Reznor und seine Band die Keyboards zertrümmert haben, denn im Gegensatz zur Gitarre jault ein Keyboard nicht schmerzverzerrt auf; wenn es gerade zerschlagen wird, sondern ist sofort tot.

Einer, der mal mit Reznor gearbeitet hat, hat neulich erzählt, dass der gefährlichste Mann der Welt nie auf direktem Weg einen Raum durchquere, sondern sich an den Wänden entlangtaste, bis er auf der anderen Seite sei. Das ist nur deshalb furchterregend, weil man bei Konzerten der Nine Inch Nails mit vielen Besuchern rechnen muss, die ähnliche Zwangsvorstellungen haben, die zu Hause nur mit Gasmaske rumlaufen und eklige Briefe an den Präsidenten schreiben. Reznor steh tja oben, wälzt sich über die Bühne, tut aber  niemandem weh.

Im Studio stückelt er einsam und von chaotischen Launen getrieben die Musik zusammen, live fühlt Reznor sich beobachtet und wird (weil er plötzlich eine Band hat) zwangsläufig von so was wie Stimmung erfasst. Die selbst gewählte Entfremdung vom gewöhnlich hergestellten Rock‘n‘Roll schwindet da ganz schnell, so auch die Klaustrophobie: Bei den Stücken ohne Sequencer-Metronom spielen die Nine Inch Nails mitreißend dynamisch, bemüht sich Reznor um sängerischen Ausdruck und arbeitet hart. Was überraschend gut klingt. Leider stinkt der Schweiß dann manchmal wie das, was unter den Lederjacken-Achseln von — sagen wir mal — Phillip Boa nistet.

Die Materialauswahl auf „And All That Could Have Been“ ist makellos, der gut gewichtete Überblick über zehn Jahre Gesamtwerk, in der Deluxe-Ausgabe ergänzt um fünf neue Stücke, die der Plattenfirma prima gefallen, aber vorab nicht zu hören waren. Aus welchen Konzerten die Platte zusammengestellt wurde, verrät keiner — weil der Teufel Trent Reznor halt doch wieder im Detail steckt und alles macht, wie er mag. Der abrupte Schluss von „Hurt“, das war er, am Rechner, allein.

Joachim Hentschel)

 

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