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Nine Inch
Nails
And All
That Could Have Been
Motormusic
Trent Reznor arbeitet hart und müht sich um künstlerischen
Ausdruck
Ganz am Ende von „Hurt“, dem
letzten Stück auf dem Live-Album der Nine Inch Nails, hört man einen grollenden
Ton, der einschüchternd an schwillt und dann (kurz vor dem Orgasmus)
verschwindet. Alles still, kein Fade-Out oder Applaus. So hätte die
Aufzeichnung von einem der berühmten Konzerte geklungen, bei denen Trent Reznor
und seine Band die Keyboards zertrümmert haben, denn im Gegensatz zur Gitarre
jault ein Keyboard nicht schmerzverzerrt auf; wenn es gerade zerschlagen wird,
sondern ist sofort tot.
Einer, der mal mit Reznor
gearbeitet hat, hat neulich erzählt, dass der gefährlichste Mann der Welt nie
auf direktem Weg einen Raum durchquere, sondern sich an den Wänden
entlangtaste, bis er auf der anderen Seite sei. Das ist nur deshalb
furchterregend, weil man bei Konzerten der Nine Inch Nails mit vielen Besuchern
rechnen muss, die ähnliche Zwangsvorstellungen haben, die zu Hause nur mit
Gasmaske rumlaufen und eklige Briefe an den Präsidenten schreiben. Reznor steh
tja oben, wälzt sich über die Bühne, tut aber
niemandem weh.
Im Studio stückelt er einsam und
von chaotischen Launen getrieben die Musik zusammen, live fühlt Reznor sich
beobachtet und wird (weil er plötzlich eine Band hat) zwangsläufig von so was
wie Stimmung erfasst. Die selbst gewählte Entfremdung vom gewöhnlich
hergestellten Rock‘n‘Roll schwindet da ganz schnell, so auch die Klaustrophobie:
Bei den Stücken ohne Sequencer-Metronom spielen die Nine Inch Nails mitreißend
dynamisch, bemüht sich Reznor um sängerischen Ausdruck und arbeitet hart. Was
überraschend gut klingt. Leider stinkt der Schweiß dann manchmal wie das, was
unter den Lederjacken-Achseln von — sagen wir mal — Phillip Boa nistet.
Die Materialauswahl auf „And All
That Could Have Been“ ist makellos, der gut gewichtete Überblick über zehn
Jahre Gesamtwerk, in der Deluxe-Ausgabe ergänzt um fünf neue Stücke, die der
Plattenfirma prima gefallen, aber vorab nicht zu hören waren. Aus welchen
Konzerten die Platte zusammengestellt wurde, verrät keiner — weil der Teufel
Trent Reznor halt doch wieder im Detail steckt und alles macht, wie er mag. Der
abrupte Schluss von „Hurt“, das war er, am Rechner, allein.
Joachim Hentschel)
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