Artikel vom 07. April 2004
Die besten Alben
Nine Inch Nails: "The Downward Spiral"
Eigentlich klar, dass bei stern.de die
Wirtschaftsredakteurin mit einem thematischen Fingerzeig wie der Abwärtsspirale
daherkommt. Aber auch Gift und Galle haben ihre Daseinsberechtigung.
i am the voice inside your head
and i control you
i am
the hate you try to hide
and i control you mr self
destruct
1995 war ein äußerst merkwürdiges Jahr. Die Kelly Family,
DJ Bobo, Scooter und andere bescheuerte Dance-Acts bevölkerten die Charts. Elton
John nölte mit dem König der Löwen durch die Savanne und Michael Jackson nervte
mit dem Earth Song. Die Welt schien bunt und fröhlich - für die einen. Wir
anderen lebten in einer Gegenwelt, deren Soundtrack Ministry, Type O Negative,
KMFDM und Konsorten lieferten. Der Gott der Gegenwelt hieß Trent Reznor, seine
Erzengel waren die
Nine Inch
Nails, und "The Downward Spiral" war die Bibel. Und wie
alle religiösen Werke versprach auch dies die Erlösung.
nothing can
stop me now
i don't care anymorepiggy
Und Erlösung brauchte
ich damals wirklich! Gott, wie quietschbunt und harmonisch doch alles war. Sushi
und Ruccola traten den Siegeszug auf den Tellern an, Party-Smalltalk erstickte
im Betroffenheitsgelaber und 'Börsianer' war noch kein Schmipfwort. Aber Israels
Regierungschef Yitzhak Rabin wurde erschossen, amerikanische Rechtsextremisten
(!) töteten mit einer Bombe in Oklahoma-City 168 Menschen und das Kürzel BSE
erlangte traurige Berühmtheit und bescherte Vegetariern einen kurzen Moment des
"wir-wussten-es-schon-immer"-Hochgefühls. Na gut, der seit vier Jahren tobenden
Bürgerkrieg in Ex-Jugoslawien ging zu Ende, und Österreich trat endlich der EU
bei. Aber irgendwie reichte das nicht für positive Gefühle.
my whole existence is
flawed
you get me closer to godcloser
Ist es da ein Wunder,
dass ausgerechnet das aggressive Juwel "Downward Spiral" zum Hoffnungsschimmer
wurde? Hatte für mich Punk Ende der 70er den Rock gerettet, so schaffte Reznor
in den 90ern die Wiederbelebung mit Industrial. Es war zwar erst das zweite
'richtige' NIN Album nach "Pretty Hate Machine", war aber wieder voll gepackt
mit Gift, Galle und Verzweiflung. Und einen Tanzhit hatte es auch: Ohne
"Closer", einer veritablen down-tempo-Nummer, lief damals in den besseren
Tanz-Clubs gar nichts.
i want to know everything
i want to be
everywhere
i want to fuck everyone in the world
i want to do something
that mattersi do not want this
Doch in der überwältigenden
Mehrheit der Lieder dominierten schwere, aggressive Gitarren, harte Beats und so
ziemlich jedes Kücheninstrument, welches sich samplen ließ. Textzeilen à la "I
want to fuck you like an animal" vergrätzten gerne mal die Tina-Turner-gewöhnten
Gehörgänge und Titel wie "Mr. Self Destruct", "Eraser", "Ruiner" oder "I do not
want this" gaben einen klaren Hinweis auf den mentalen Standpunkt des Musikers -
wahrscheinlich trifft 'apokalyptischer Hardcore' es noch am besten.
i hurt myself today
to see if i still feel
i focus
on the pain
the only thing that's realhurt
Aber die wahre
Genialität liegt im Umarmen des Gegensätzlichen: Bei Trent Reznor, der damals
meinen weiblichen Freundeskreis zu fast jeder schmutzigen Phantasie inspirierte,
liegt ein Großteil des Charmes auch in der ausgelebten Polarität. Das Album
vereinte Sanftheit und Härte, Lust und Entsetzen, Aggressivität und Trauer. Und
nichts, wirklich nichts reichte in punkto Traurigkeit an "Hurt" heran. Sparsamst
instrumenitert, zerkratzen die leisen Piano-Töne jede Abgeklärtheit. Wie in lang
verdrängten Teenager-Tagen kamen die Wände langsam näher, und der Magen fing an
sich zu drehen. Das Schöne daran, eben nicht mehr Teenager zu sein, war dann die
Erkenntnis, dass Trauer heilsam ist und besondere Platten etwas Kathartisches
haben können. In diesem Sinne...
Oder um mit Trent Reznor zu sprechen:
"Today the world still looks as bad as 1995. And this will never change. That's
why this record will never die."