Album des Monats
Nine Inch
Nails
The Fragile
Nothing/Motor
Music/Universal
Selbst wenn Trent Reznor auf
diesem Album alte indianische Volkslieder neu interpretiert hätte, wäre die
Platte wohl trotzdem in den meisten Magazinen zum Album des Monats gekürt
worden. Ganz einfach, weil wir lange, seeeeehr lange darauf warten mussten.
Unglaubliche fünf Jahre ist es her, seitdem „The Downward Spiral“ erschienen
ist, das Album also, das mit einem Schlag das gesamte Genre Industrial auf den
Kopf stellte.
Aber seitdem ist viel passiert,
nicht zuletzt wegen der Nine Inch Nails feierten Industrial und Gothic besonders in den Staaten ein
großes Comeback und Marilyn Manson schwang sich auf den Thron, auf dem einst
Reznor zu finden war. Doch wird die Nine Inch Nails inzwischen abgeschrieben
hatte, wird sich nun ganz schön wundern, denn Trent Reznor ist ZURÜCK.
In seiner amerikanischen Heimat
konnte er mit „The Fragile“ schon seinen ersten Nummer-1-Erfolg überhaupt
feiner. Allein in den ersten Tagen nach der Veröffentlichung gingen fast eine
Viertelmillion (!) Scheiben über den Ladentisch. Einige Kritiker haben dieses
Album schon vorab als Reznors Version von Pink Floyds Weltraum Oper „The Wall“
bezeichnet und was auf dem Papier vielleicht seltsam aussieht, kann man nach
dem Hören von „The Fragile“ durchaus nachvollziehen. Und nicht nur, weil der
ehemalige Floyd-Prodcuer Bob Ezrin hier ebenfalls mitmischt. Knapp zwei Dutzend
Stücke hat Reznor auf dieses Doppel-Album gepackt, Stücke, die seine verzweifelte
Beziehungslosigkeit im Studio in gnadenlose musikalische Halluzinationen
verwandelt haben. Dröhnende Gitarrenriffs, kreischende Synthis und
niederwalzende Computerdrums – wer nach diesen zwei Stunden immer noch
behauptet, er wisse nicht, wies in Reznors Seele aussieht, ist entweder taub
oder hat rein gar nichts verstanden. Was nicht heißt, dass Reznor sich ständig
hinter einem Soundwall versteckt. Aber selbst bei den poetischen Momenten wie
der Ballade „La Mer“ liegt trotzdem noch eine hochexplosive Spannung in der
Luft. Auch wenn Reznor manchmal ein bisschen zu sehr in den Prog-Rock-Bereich
abdriftet – bei einem so langen Album kaum ein Wunder – gibt es doch für jede
minimale Enttäuschung wieder einen Höhepunkt wie das Sieben-Minütige-Epos
„We’re In This Together“. Und die Nine-Inch-Nails-eigene Art von Humor bzw.
Sarkasmus wird bei „Starfuckers Inc.“ Unter Beweis gestellt. Ein Song, der
weder Marilyn Manson noch dessen Freundin Rose McGowan übermäßig amüsieren
dürfte.
Korn? Limp Bizkit? Marilyn Manson?
Ab sofort brauchen wir (wieder) nur noch die Nine Inch Nails.
Carsten Wohlfeld
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