NINE INCH NAILS
“With Teeth“
(Interscope/Universal)
Ruhig beginnt es, das lang
erwartete vierte Studio-Album von NINE INCH NAILS. “All The Love In The World“
heißt der Titel, der die Scheibe mit sanften Piano-Klängen, Trent Reznors teils
mehrstimmigen Gesängen und einigen Sound-Experimenten einläutet. Kein typischer Anfang also für
dieses alles in allem recht straighte Album zwischen Industrial und Rock. Doch das
ändert sich schlagartig mit dem nachfolgenden „You Know Who You Are?“, das die
geballte Ladung Aggression entlädt. Schließlich stellt der Song nicht nur dem
Hörer die ldentitätsfrage, sondern beantwortet sie für NIN auch gleich mit,
denn Trent Reznor ist mit aller Kraft zurück und überzeugt nicht nur in „You
Know Who You Are?“ mit einer gelungenen Mischung aus Aggressionen, Emotionen
und Melodie, sondern liefert über die gesamte Distanz ein typisches und doch etwas
anderes NIN-Album ab. Die Antwort ist also eindeutig: ja NIN haben sich ihre
Identität bewahrt! Zwischen wütendem Schreien, klaren Melodiegesängen und fast
schon zerbrechlich wirkenden Ausdrücken innerer Zerrissenheit pendelt Reznors
Gesangsperformance, die durch ein buntes Songprogramm führt und dabei stets die
erste Geige spielt. Die Stücke sind nämlich allesamt auf den Gesang und die wesentlichen Merkmale eines Songs
zugeschnitten, so daß es kaum noch ausladende Instrumentalteile oder abgefahrene Soundcollagen
gibt, vom etwas experimentellen, ruhiger werdenden Ende des Albums einmal abgesehen.
Neben dieser neuen Songdienlichkeit fällt vor allem der Einsatz echter
Drums auf, die der Vorherrschaft elektronischer Soundschnipsel und Loops mittlerweile
den Rang abgelaufen haben. Ist aber durchaus legitim, wenn Meister wie Dave
Grohl (Foo Fighters, Ex-Nirvana), oder Jerome Dillon von Trent Reznors Live-Band
hinter der Schießbude Platz nehmen. Seine Vorliebe für elektronische Klänge hat Mastermind Reznor deshalb aber noch lange
nicht abgelegt. Selbige äußert sich mittlerweile lediglich etwas subtiler und
eben songdienlicher. Und wenn man sich als geneigter Hörer dann erst einmal ein
paar Durchläufe genehmigt hat, erweist sich auf “With Teeth“ nahezu jeder Song
als kleiner Ohrwurm, denn ihre eigene Charakteristik haben sie alle verpasst
bekommen. Sei es die melodische
erste Singleauskopplung „The Hand That Feeds“, das klagende, eher getragene „Every
Day Is Exactly The Same“ oder „Getting Smaller“ mit seinem prägnanten,
antreibendem Gitarrenriff. “With Teeth“ ist somit einmal mehr ein durchwegs überzeugendes Album mit
eigener Seele und eigener Ausrichtung geworden, das alle Facetten von NIN
abdeckt und sie mit größerer Spontaneität, Rohheit und Live-Authentizität als
bisher gekannt zusammenfasst. (SB)
13 Punkte
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