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Berliner Zeitung

 

November 1999

 

Das Publikum blieb unbeschadet zurück

 

Autor: Harald Peters

 

 

 

 

Das Publikum blieb unbeschadet zurück

 

Nine Inch Nails in der Berliner Columbiahalle

 

Datum: 24.11.1999

Ressort: Feuilleton

Autor: Harald Peters

 Das ist also der Mann, der Marilyn Manson entdeckte, der sich das Haus, in dem Sharon Tate ermordet wurde, einst zum Studio wählte und derzeit in einem Leichenschauhaus wohnt. Von amerikanischen Elternverbänden wird er gefürchtet und von ihren Schutzbefohlenen wird er geliebt. Trent Reznor hat alle Drogen an sich erprobt, erstaunlicherweise hat er es überlebt, man sollte allerdings denken, dass er dem Dasein heute positiv gegenübersteht. Er ist der erfolgreichste Industrial-Rocker weltweit, das "Time Magazine" wählte ihn in die Liste der 25 einflussreichsten Männer Amerikas, andere sagen Trent Reznor ein unerhörtes Charisma nach.

Doch entweder hat er es am Montagabend an der Garderobe der Columbiahalle gelassen oder es hat sich im dichten Bühnennebel verfangen. Auf der Bühne ist er nur der Mann am Mikrofon, einer, der schwarz trägt und in Lederhose und Muskelshirt eine gute Figur macht. Um die Songs seines Ein-Mann-Projekts Nine Inch Nails angemessen auf die Bühne zu bringen, hat Reznor vier Musiker offenbar nicht nur nach handwerklichen Gesichtspunkten unter Vertrag genommen. Sie sind hübsch und blass, sie wirken leicht staubig, dem Gitarristen scheinen von seinem letzten Gruftspaziergang noch Reste von Spinnenweben im Haar zu hängen. Die weiß gepuderte Fangemeinde zeigt sich erfreut, sie möchte überwältigt werden und niedergerissen von diesem Konzert.

Die Lightshow beweist Reznors Willen zum Bombast. Doch leider ist die Musik zu leise. Denn zynischer und menschenverachtender Industrial-Rock braucht bekanntlich eine zynische und menschenverachtende Lautstärke; eine Lautstärke, der sich das Publikum verwegen und unerschrocken aussetzt, um sich selbst zu verstehen zu geben, dass es ebenso nihilistisch ist wie die Band. Doch Reznor verweigert die Identifikation, er liefert kunstvoll arrangierten Industrial-Rock und lässt sein Publikum gänzlich unbeschadet zurück. Vielleicht ist es albern, aber irgendwie hat man den Eindruck, von einem Bürgerschreck etwas mehr erwarten zu dürfen als nur ein solides Konzert.

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