Datum: 24.11.1999
Ressort: Feuilleton
Autor: Harald Peters
Das ist also der Mann, der Marilyn Manson entdeckte, der sich
das Haus, in dem Sharon Tate ermordet wurde, einst zum Studio wählte und derzeit
in einem Leichenschauhaus wohnt. Von amerikanischen Elternverbänden wird er
gefürchtet und von ihren Schutzbefohlenen wird er geliebt. Trent Reznor hat alle
Drogen an sich erprobt, erstaunlicherweise hat er es überlebt, man sollte
allerdings denken, dass er dem Dasein heute positiv gegenübersteht. Er ist der
erfolgreichste Industrial-Rocker weltweit, das "Time Magazine" wählte ihn in die
Liste der 25 einflussreichsten Männer Amerikas, andere sagen Trent Reznor ein
unerhörtes Charisma nach.
Doch entweder hat er es am Montagabend an der Garderobe der
Columbiahalle gelassen oder es hat sich im dichten Bühnennebel verfangen. Auf
der Bühne ist er nur der Mann am Mikrofon, einer, der schwarz trägt und in
Lederhose und Muskelshirt eine gute Figur macht. Um die Songs seines
Ein-Mann-Projekts Nine Inch Nails angemessen auf die Bühne zu bringen, hat
Reznor vier Musiker offenbar nicht nur nach handwerklichen Gesichtspunkten unter
Vertrag genommen. Sie sind hübsch und blass, sie wirken leicht staubig, dem
Gitarristen scheinen von seinem letzten Gruftspaziergang noch Reste von
Spinnenweben im Haar zu hängen. Die weiß gepuderte Fangemeinde zeigt sich
erfreut, sie möchte überwältigt werden und niedergerissen von diesem Konzert.
Die Lightshow beweist Reznors Willen zum Bombast. Doch leider
ist die Musik zu leise. Denn zynischer und menschenverachtender Industrial-Rock
braucht bekanntlich eine zynische und menschenverachtende Lautstärke; eine
Lautstärke, der sich das Publikum verwegen und unerschrocken aussetzt, um sich
selbst zu verstehen zu geben, dass es ebenso nihilistisch ist wie die Band. Doch
Reznor verweigert die Identifikation, er liefert kunstvoll arrangierten
Industrial-Rock und lässt sein Publikum gänzlich unbeschadet zurück. Vielleicht
ist es albern, aber irgendwie hat man den Eindruck, von einem Bürgerschreck
etwas mehr erwarten zu dürfen als nur ein solides Konzert.