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Manchmal lohnt sich selbst die weiteste Anreise. Vor allem,
wenn Nine lnch Nails für ihren einzigen NRW-Termin ausgerechnet das Düsseldorfer
Stahlwerk buchen - eine alte Fabrikhalle, in der Mann/Frau wegen der niedrigen
Bühne nichts sieht und wegen der schlechten Akustik noch weniger hört. Also
lieber gleich ins holländische Tilburg fahren, wo Veranstalter und Band eine
weitaus bessere Lokalität gewählt haben: Das 013, eine nagelneue Konzerthalle
direkt im Zentrum des verschlafenen Studentenstädtchens. Auch die ist mit 4000
Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt - nur fällt das kaum ins Gewicht:
Durch die steil nach oben führenden Stufen und einen riesigen Balkon herrscht
überall freie Sicht - und wen es direkt vor die Bühne zieht, der kann sich in
einem breiten Moshpit austoben.
Eine Option, die beim Support-Act Atari Teenage Riot
allerdings nur bedingt wahrgenommen wird. Nicht, weil der Vortrag der Berliner
Kultgruppe zu leise wäre, sondern weil er schlichtweg zu statisch wirkt. Die
Musik kommt vom Band oder von den Turntables, der Gesang ist ein einziges
Gekreische und die ständigen Parolen von Rebellion, Anarchie und Aufstand wirken
auch eher platt.
Ganz anders Nine Inch Nails: Die inszenieren ein richtig
großes Rock- Spektakel, das nicht nur von der Musik, sondern auch von der Optik
und Theatralik lebt. Angefangen beim monumentalen lntro, einem riesigen Vorhang,
der mit den ersten Akkorden von "Somewhat Damaged" fällt, und einer Bühne, die
alles birgt, was schick und teuer ist: Kunstnebel, Laserlights,
Stroboskop-Käfige, Drum- und Keyboard-Podeste und fünf wüste Figuren im
militaristischen Einheitslook. Nicht so krass wie bei frühen Auftritten von Echo
& The Bunnymen, die sich Anfang der 80er im Armee-Outfit präsentierten, aber
doch mit einer Uniform-ähnlichen Kluft, die sich auch zum Kampfeinsatz eignen
würde. Und dieser Eindruck ist wohlkalkuliert: Denn das, was NIN hier
zelebrieren, ist ein musikalischer Blitzkrieg unter dem Deckmäntelchen eines
konventionellen Konzerts - eine systematische Offensive gegen das zentrale
Nervensystem des Publikums, das von der Vielzahl an audio-visuellen Reizen
geradezu geplättet wird. Sei es durch den glasklaren Breitwand-Sound, zahlreiche
Hightech-Effekte oder die Bühnenpräsenz von Reznor selbst. Der spielt zunächst
nur akustische Gitarre, brüllt sich dazu die Seele aus dem Leib und verformt
seine markanten Gesichtszüge zu einem hämischen Feixen.
Daß er in den letzten
Jahren doch um einiges kompakter geworden ist, verleiht seiner Paraderolle als
wütendes Energiebündel noch zusätzliche Durchschlagskraft. Auch, wenn er nicht
besonders groß, geschweige denn kräftig ist: diesem haßerfüllten 35jährigen
möchte man nicht auf offener Straße begegnen - schon gar nicht hei Nacht. Eine
stage persona, die er über die Länge des gesamten Konzerts aufrecht hält. Den
Fans gegenüber gibt er sich distanziert, die Band wird geschubst oder traktiert,
und als er sich nach rund einer Stunde zum ersten Mal ein zaghaftes "thank you"
abringt, ist das schon der Gipfel der Höflichkeit. Aber schließlich ist NIN ja
kein konventioneller Rock-Act, sondern noch immer eine Industrial-Hand. Und
obwohl das "Fragile" Repertoire diesen Anspruch mit einem hohen Maß an
Musikalität und komplexen Arrangements transportiert, könnte der Gegensatz
zwischen Album und Show kaum stärker sein. Hier und heute geht es nicht darum,
ein monumentales Kunstwerk zu reproduzieren, sondern um Energie, Power und zwei
Stunden abwechslungsreiche Unterhaltung. Angefangen beim ekstatischen
Bühnen-Gebaren von Bassist/Keyhoarder Danny Lohner über einen ebenso hünenhaften
wie tuntigen Gitarristen, der gerne stagedivt, bis hin zum geschickt gewählten
Set, das nicht nur neue Stücke ("The Frail", "The Wretched", "No, You Don 't")
umfaßt, sondern auch die Highlights der Jahre '91-94: "Terrible Lie", "Sin",
"March Of The Pigs", "Reptile" und "Gave Up". Derweil Keyboarder Charlie Clouser
und Drummer Jerome Dillon die unauffällige, aber zuverlässige Rhythmussektion
bilden, steht Trent stets im Mittelpunkt des Geschehens: Seine Ausstrahlung ist
pures Charisma, sein Vortrag gebündeltes Selbstbewußtsein. Eine Mischung, vor
der es kein Entkommen gibt. Zumal er auch dramaturgische Maßstäbe setzt. Etwa
durch ein Zwischenspiel mit drei Instrumentalstücken - "La Mer", "The Great
Below" und "The Way Out Is Through", die er hinter einer flächendeckenden
Leinwand intoniert, auf der sphärische Bilder von Amöben, Wellen und liquiden
Zellen flimmern. Die Residents lassen Grüßen. Doch kaum hat man sich auf die
melancholischen Klanggemälde eingelassen, folgt ein regelrechter Dampfhammer:
"Wish" (von "Broken"), die erste Single "Down In lt' und die '91er Hymne "Head
Like A Hole". Daß die euphorische Masse mehr von diesen Adrenalin Kicks haben
will, versteht sich von selbst. Und Reznor legt im Zugabenblock nur zu gerne
nach: zunächst das poppige "Day The World Went Away", dann "Starfuckers Inc' und
schließlich noch "Closer" und "Hurt". Ein großartiges Finale, das nur zwei Songs
ausspart: "The Perfect Drug" aus dem '97er David Lynch-Film "Lost Highway" sowie
die Hit-Single "We're In This Together Now". Warum, bleibt sein Geheimnis. Aber
wer weiß: Vielleicht sind sie im Sommer ja wieder dabei. Dann nämlich will Trent
zumindest ein großes deutsches Open Air bestreiten.
Marcel Anders
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