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Berliner Zeitung

 

Juni 2005

 

Die Angst vor der Zukunft wird gepflegt

 

Autor: Harald Peters

 

 

Die Angst vor der Zukunft wird gepflegt

Ein angemessen gestriges Konzert: Nine Inch Nails

17.06.2005

Feuilleton - Seite 26

Harald Peters

Etwa alle fünf Jahre nimmt Trent Reznor ein neues Nine Inch Nails-Album auf. Mit dem knatternd lebensverneinenden Debüt "Pretty Hate Machine" machte er 1989 auf seinen melodiösen Industrialrock aufmerksam, mit dem Nachfolgewerk "The Downward Spiral" war er 1994 dann schon der bekannteste Musiker seines Fachs. Depressive Teenager fühlten sich von seinem dramatischen Leid ebenso angesprochen wie sexuell aufgeschlossene Pärchen, die seine Lieder als irgendwie verwegene Begleitmusik für harmlose Fesselspiele nutzten. Doch statt den Ruhm auszubauen, widmete Reznor sich lieber dem Drogenkonsum und tauchte ab. Und als er 1999 mit der ungeheuer prätentiösen und weltschmerzgesättigten Doppel-CD "The Fragile" wieder kam, waren die Teenager längst ausgeglichen und erwachsen und Fesselspiele nicht mehr so modern - kommerziell blieb das Album folglich weit hinter den Erwartungen zurück.

Um nicht auch noch sein Stammpublikum zu verschrecken, hat Reznor sich mit seinem neuen Album "With Teeth" klugerweise kaum bewegt. Am Mittwoch gab er in der ausverkauften Columbiahalle ein angemessen gestriges Konzert und präsentierte sich exakt in der Form, die sein Publikum so liebt: pathetisch, getrieben und voller Schmerz. Gewiss, seit er die Drogen abgesetzt hat, wirkt er deutlich gesünder, trotzdem hat sich der nunmehr 40-jährige Reznor die zerrüttete Gefühlswelt eines Heranwachsenden bewahrt, der aus Angst vor der Zukunft Klebstoff schnüffelt und sich für Selbstmord interessiert. Auch das ist eine Leistung. Und so wie seine Stücke inhaltlich relativ monothematisch ausgerichtet sind, ist auch die musikalische Klangfarbe, Melodieführung und Dynamik nur wenig variantenreich.

Mögen sich die Alben noch in Nuancen unterscheiden, so klangen seine Stücke beim Konzert wie aus einem zähen, deprimierenden Guss. Um ihre Aussage körpersprachlich zu unterstreichen, stand Trent Reznor meist mit heiligem Ernst am Mikrofenständer, schwang ihn mitunter auch bedrohlich in Richtung seiner Mitmusiker und wankte beizeiten wie von Sinnen über die Bühne, als hätte er etwas Dunkles getrunken. Sein Gitarrist vollbrachte wiederum mit seinem Instrument beachtliche Kunststücke, wirbelte es virtuos umher und wusste ihm noch quer über dem Verstärker liegend ein paar interessante Töne zu entlocken. Weite Teile des Publikums wirkten jedenfalls, als hätten sie sich noch nie so gut amüsiert.

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