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14. Juni 2005

 

Something I can never have

 

Autor: Christian Fuchs

 

 

Quelle: http://fm4.orf.at/fuchs/199592/main

Wien | 15.6.2005 | 12:23 

Twilight Zone: Musik-, Film-, Comics & more aus den schummrigen Gebieten des Pop.

Autor: Christian Fuchs

 

Something I can never have

Ist Stadionrock schon aus Prinzip das Böse schlechthin? Viele Leute, die mit einem Punkspirit sozialisiert wurden, behaupten das zumindest dogmatisch.

Von durch und durch berechnenden Spektakeln ist dann meist die Rede, von schwulstigem Pathos, der die Massen nach Feuerzeugen greifen lässt, von überkandidelten Bühnenshows voller klischeehafter Posen.

Trent Reznor gehört zur Generation (Post-)Punk und wollte trotzdem nie auf all dieses barocke Brimborium verzichten. Allerdings, und das wurde gestern in der Wiener Arena wieder deutlich, nähert er sich dem Stadionrock so wie ein James Cameron, Sam Raimi oder Christopher Nolan dem megalomanischen Blockbuster.

Weltekel

Während diese Regisseure die Hollywood-Maschinerie für ihre speziellen künstlerischen Anliegen ausnutzen, bedient sich Reznor der bombastischen Stilmittel einer Tradition, die von Genesis über Bon Jovi zu U2 führt, mit seinen ganz eigenen Absichten. Weder esoterischer Hippiekitsch, noch simple Reinbraterei beim anderen Geschlecht stehen bei Nine Inch Nails auf dem massentauglichen Programm. Und schon gar keine Rettungsversuche für aussterbende Wale oder hungernde Kinder.

Der Stadionrock des Mr. Reznor erzählt beispielsweise vom alles zerfressenden Hass auf sich selbst und andere, von deprimierendem Weltekel und einer Abgestumpfheit, bei der nur Selbstverletzungen noch für Gefühlsregungen sorgen, von den Schattenseiten der Liebe und der Erkenntnis, dass Sexualität fast immer mit Machtspielen und animalischen Abgründen zu tun hat und genau darin oft der Reiz liegt.

Vor allem erzählt diese überladene, emphatische, pompöse Musik aber von einer ganz großen, einer unstillbaren Sehnsucht, die die tragischen Helden eines Poe oder Dostojewski mit den Modernisierungsverlierern von heute verbindet: "I just want something I can never have!"

Nihilismus-Evergreens in kurzen Hosen

Gerade dieses ständige Herumwühlen in emotionalen Niederungen ist es, was den Industrial-Stadionrock von Nine Inch Nails so menschlich macht wie die besten 'Six Feet Under'-Folgen. Wenn dann statt eines anonymen Sportplatzes im Mittelwesten Amerikas auch noch die wunderbare Wiener Sommerarena als Kulisse dient, kann nur mehr wenig schiefgehen. Eine bessere Location ist für so einen Auftritt nicht denkbar, erst recht bei derartig lauschigem Wetter wie gestern.

Musikalisch und soundtechnisch lässt die große (Selbst-)Zerstörungs-Show auch nichts zu wünschen übrig. Einen Nihilismus-Evergreen nach dem anderen schütteln Reznor und seine neu besetzte Band locker aus dem Handgelenk.

Verschwitzt und sexy rollt der Darkroom-Pop von 'Closer' über Erdberg hinweg, enorm angespeist rocken unvermeidliche Amokläufer-Anthems oder 'Head Like A Hole', tanzbodenkompatibel funkt es bei 'Hand That Feeds', melancholisch erweist das selten gespielte 'Dead Souls' den legendären Joy Division die Ehre.

Eine kleine Irritation

Erst bei 'Hurt', von Trent Reznor alleine am Keyboard stehend intoniert, wird für mich vorne am Bühnenrand eine kleine Irritation augenscheinlich.

Vielleicht handelt es sich auch nur um das private Problem eines Ästhetik-Diktators, wie ich halt einer bin. Aber der Bühnenlook des guten Trent macht mich fertig.

Während die restlichen Nine Inch Nails im besten Sinn an die hübschen Freunde von David Pfister erinnern, turnt der Boss in abgeschnittenen Hausmeister-Jeans und einem schwarzen Unterleiberl herum. Das hat wahrscheinlich auf der 'Pretty Hate Machine'-Tour vor fünfzehn Jahren funktioniert. Ein gereifter Herr sollte in dieser Aufmachung aber nur seine engsten Freunde zum bierseeligen Videoabend begrüßen.

Was den komischen Eindruck noch verstärkt: Arnold Reznor ist jetzt tatsächlich endgültig zu Trent Schwarzenegger mutiert. Nun geht der Anblick eines aufgepumpten Muskelpakets mit kurzen Hosen ("The incredible Hulk", flüstert meine Kollegin Natalie Brunner) bei Nummern wie 'Burn' noch durch, spätestens wenn der Mann ins Balladenfach und an das Piano wechselt, wird es aber bizarr. Aber egal. Vielleicht ist es, wie Frau Brunner mutmaßt, gerade das leicht verzweifelte dieser Erscheinung, dieser Punkt, wo die blasse, hedonistische Gruftrock-Ikone zum Midlife Crisis-gebeutelten 'Men's Health-Abonnenten transformiert, was das Ganze noch menschlicher macht.

Insgesamt ein toller Abend.

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