Something I can never have
Ist Stadionrock schon aus Prinzip das Böse schlechthin? Viele
Leute, die mit einem Punkspirit sozialisiert wurden, behaupten das zumindest
dogmatisch.
Von durch und durch berechnenden Spektakeln ist dann meist
die Rede, von schwulstigem Pathos, der die Massen nach Feuerzeugen greifen
lässt, von überkandidelten Bühnenshows voller klischeehafter Posen.
Trent Reznor gehört zur Generation (Post-)Punk und wollte
trotzdem nie auf all dieses barocke Brimborium verzichten. Allerdings, und das
wurde gestern in der Wiener Arena wieder deutlich, nähert er sich dem
Stadionrock so wie ein James Cameron, Sam Raimi oder Christopher Nolan dem
megalomanischen Blockbuster.
Weltekel
Während diese Regisseure die Hollywood-Maschinerie für ihre
speziellen künstlerischen Anliegen ausnutzen, bedient sich Reznor der
bombastischen Stilmittel einer Tradition, die von Genesis über Bon Jovi zu U2
führt, mit seinen ganz eigenen Absichten. Weder esoterischer Hippiekitsch, noch
simple Reinbraterei beim anderen Geschlecht stehen bei Nine Inch Nails auf dem
massentauglichen Programm. Und schon gar keine Rettungsversuche für aussterbende
Wale oder hungernde Kinder.
Der Stadionrock des Mr. Reznor erzählt beispielsweise vom
alles zerfressenden Hass auf sich selbst und andere, von deprimierendem Weltekel
und einer Abgestumpfheit, bei der nur Selbstverletzungen noch für
Gefühlsregungen sorgen, von den Schattenseiten der Liebe und der Erkenntnis,
dass Sexualität fast immer mit Machtspielen und animalischen Abgründen zu tun
hat und genau darin oft der Reiz liegt.
Vor allem erzählt diese überladene, emphatische, pompöse
Musik aber von einer ganz großen, einer unstillbaren Sehnsucht, die die
tragischen Helden eines Poe oder Dostojewski mit den Modernisierungsverlierern
von heute verbindet: "I just want something I can never have!"
Nihilismus-Evergreens in kurzen Hosen
Gerade dieses ständige Herumwühlen in emotionalen Niederungen
ist es, was den Industrial-Stadionrock von Nine Inch Nails so menschlich macht
wie die besten 'Six Feet Under'-Folgen. Wenn dann statt eines anonymen
Sportplatzes im Mittelwesten Amerikas auch noch die wunderbare Wiener
Sommerarena als Kulisse dient, kann nur mehr wenig schiefgehen. Eine bessere
Location ist für so einen Auftritt nicht denkbar, erst recht bei derartig
lauschigem Wetter wie gestern.
Musikalisch und soundtechnisch lässt die große
(Selbst-)Zerstörungs-Show auch nichts zu wünschen übrig. Einen
Nihilismus-Evergreen nach dem anderen schütteln Reznor und seine neu besetzte
Band locker aus dem Handgelenk.
Verschwitzt und sexy rollt der Darkroom-Pop von 'Closer' über
Erdberg hinweg, enorm angespeist rocken unvermeidliche Amokläufer-Anthems oder
'Head Like A Hole', tanzbodenkompatibel funkt es bei 'Hand That Feeds',
melancholisch erweist das selten gespielte 'Dead Souls' den legendären Joy
Division die Ehre.
Eine kleine Irritation
Erst bei 'Hurt', von Trent Reznor alleine am Keyboard stehend
intoniert, wird für mich vorne am Bühnenrand eine kleine Irritation
augenscheinlich.
Vielleicht handelt es sich auch nur um das private Problem
eines Ästhetik-Diktators, wie ich halt einer bin. Aber der Bühnenlook des guten
Trent macht mich fertig.
Während die restlichen Nine Inch Nails im besten Sinn an die
hübschen Freunde von David Pfister erinnern, turnt der Boss in abgeschnittenen
Hausmeister-Jeans und einem schwarzen Unterleiberl herum. Das hat wahrscheinlich
auf der 'Pretty Hate Machine'-Tour vor fünfzehn Jahren funktioniert. Ein
gereifter Herr sollte in dieser Aufmachung aber nur seine engsten Freunde zum
bierseeligen Videoabend begrüßen.
Was den komischen Eindruck noch verstärkt: Arnold Reznor ist
jetzt tatsächlich endgültig zu Trent Schwarzenegger mutiert. Nun geht der
Anblick eines aufgepumpten Muskelpakets mit kurzen Hosen ("The incredible Hulk",
flüstert meine Kollegin Natalie Brunner) bei Nummern wie 'Burn' noch durch,
spätestens wenn der Mann ins Balladenfach und an das Piano wechselt, wird es
aber bizarr. Aber egal. Vielleicht ist es, wie Frau Brunner mutmaßt, gerade das
leicht verzweifelte dieser Erscheinung, dieser Punkt, wo die blasse,
hedonistische Gruftrock-Ikone zum Midlife Crisis-gebeutelten 'Men's
Health-Abonnenten transformiert, was das Ganze noch menschlicher macht.
Insgesamt ein toller Abend.