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Die Presse

 

Juni 2005

 

 

 

Autor: Samir H. Köck

 

 

Quelle: http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?channel=k&ressort=ku&id=488790

Konzert:"Wie wenn ein Fremder deine Freundin küsst"

VON SAMIR H. KÖCK (Die Presse) 16.06.2005

Nine Inch Nails begeisterten in Wien mit entrückter Hingabe an harte Sounds. Trent Reznor im Gespräch.

Die ersten Fans lagerten um 11 Uhr vormittags vor der Arena, die här testen noch mit dem Rucksack vom Nova-Rock-Festival. Und wenn Nine Inch Nails rufen, dann eilen die Freunde herber Klänge nicht nur von weit herbei, sondern machen sich auch schön. Ins milde Mondlicht dieses Open-Airs wurden kunstvoll zerrissene Strümpfe, blank polierte Armeestiefel und jede Menge Tätowierungen ausgetragen. Trent Reznor, leicht paranoider Angst-Apologet und Metal-Erneuerer, hatte nach Jahren krisenbedingter Absenz zu einem geselligen Abend gerufen, der - dezibelbedingt - neben Ohrenschmalz auch neue Gedanken zu seinem Lieblingsthema "Furcht" versprach, wie er sie auf dem Album "(With Teeth)" vorträgt. Der Vierzigjährige, seit einiger Zeit von allen Giften befreit, empfing die "Presse" zu einer speziellen Audienz. Neben sich am Sofa hatte er seine neue Freundin platziert, die ruhig miterleben sollte, wie es so ist, wenn man tiefschürfend auf Fragen antworten soll wie die: "Leiden Sie an postnataler Depression, wenn sie ein Album fertig gestellt haben?" Die Schöne langweilte sich demonstrativ.

 Reznor ist ein anderer geworden. Auf der letzten Tour bedrohlich aufgeschwemmt, präsentiert er sich körperlich extrem fit. Auch sein Geist ist anders: "Mein neuer Lebensstil hat so ziemlich alles für mich verändert. Ich habe realisiert, dass viele meiner Ansichten total beschissen waren, dass ich gefangen war in einem Käfig unreifer Gedanken, die ich wie besessen variierte. Früher war ich einfach beschränkt, heute sehe ich, dass es gilt, das Leben mehrdimensional zu leben. Wenn ich früher Jazz hörte, bellte ich sofort: ,Was für ein Stück Scheiße!' Heute weiß ich, dass Jazz auch etwas Gutes sein kann. Und was meine Musik anlangt, so habe ich mich früher viel zu oft selbst zensuriert. Heute habe ich den Mut zu experimentieren."

 Fürwahr, das neue, vielschichtige Album geriet extrem gut. Vor allem für jene, die gerade einsteigen ins Nine-Inch-Nails-Universum, wo Phobien die Fixsterne sind und Ängste die Sonnenwinde. Jenen, die bereits seit Ende der 80er Jahre - dem Debüt "Pretty Hate Machine" - dabei sind, mögen ihre Zweifel haben. Reznor ist sich aber seiner neuen Pfade sicher. Ein wenig bitter bemerkt er, dass ihm "beim neuen Album die Meinung anderer so egal war wie noch nie. Früher war ich immer sehr bemüht zu erfahren, wie andere meine Arbeit beurteilen, wollte immer alle zufrieden stellen. Jetzt bin ich endlich so weit, vor allem mich happy zu machen. Wenn ich weiß, dass ich mein Bestes gegeben habe, dann muss das auch gut genug für den Rest der Welt sein!"

 Bei der Auswahl der Songs an diesem Abend war er weniger rigide. Das Geknüppel startet eindrucksvoll mit "Pinion" und einem Medley aus "The Frail" und "The Wretched", alte Hämmer, die in bewährter Weise etwaig aufkommende Subtilitäten erbarmungslos plätteten. In Dreiviertelhosen und Trägerleiberl wütete Reznor sehr sportlich. Zwei Kräfte waren dazu abgestellt, die in kalkulierter Entrücktheit herumgeworfenen Mikrofonständer betulich neu aufzustellen. Die Menge war in Sekundenbruchteilen Reznors willige Beute, begrüßte euphorisch den "ersten Tag der letzten Tage", wie einst ahnungsvoll und todessehnsüchtig in "Wish" formuliert wurde, als Reznor noch ganz in sich eingesponnen war. Es folgten das rüde "March of Pigs", das balladeske "Something I Can Never Have" mit einem Lieblingsthema Reznors: das verstümmelte, nicht entwicklungsfähige Ich. Ein Topos, der auch auf dem famosen "All the Love in the World" bemüht wurde, dem Opener des neuen Albums, den er leider nicht zu Gehör brachte. Er zeigt schließlich auf überraschende Weise die neue Verletzlichkeit, den Mut zur Innenschau: "Ich hatte immer das Gefühl, zu kurz gekommen, zu naiv in dieses Leben gestartet zu sein."

 Live konzentrierte sich die Goth-Metal-Legende klugerweise auf jene Bretter, die er seit Dezennien prügelt: "Burn", "Starfuckers Inc." und zum Schluss das wüste "Head Like a Hole". Mitten drin, die sublimeren neuen Stücke wie "Line Begins to Blur", "Home" und "You Know What You Are?" Als einziges neues Stück erinnerte "The Hand That Feeds" an den Furor ferner Tage. Eines der Highlights war "Hurt", solo am Keyboard dargebracht. Diese berückend schöne Ballade wurde ja zu einer Art Epitaph Johnny Cashs, was Reznor erst verdauen musste: "Als ich Cashs Version zum ersten Mal hörte, dachte ich, irgendetwas stimmt da nicht. Es war ein Gefühl, wie wenn ein Fremder deine Freundin küsst. Schließlich war ,Hurt' doch mein Lied. Irgendetwas sträubte sich in mir. Erst als ich das Cash-Video sah, haute es mich um. Da erkannte ich die Kraft der Musik, die aus etwas kleinem Privaten, etwas Universelles machen kann. Heute finde ich es o. k., dass sich Cash den Song derart zu eigen gemacht hat, weil ich weiß, dass jeder in dieser Welt mit dem anderen verbunden ist."

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