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Der Standard

 

Juni 2005

 

Sound der Entfremdung

 

Autor: Christian Schachinger

 

 

 Quelle: http://derstandard.at/?url=/?id=2079870

 21. Juni 2005, 22:26 Uhr

Sound der Entfremdung

Meister einer harten Musik: Trent Reznor und Nine Inch Nails begeisterten in der Wiener Arena das Publikum

Von Christian Schachinger

 Trent Reznor und Nine Inch Nails gelten als Meister einer harten Musik, die Weltekel zu zeitlosen Songperlen verdichtet. Das Publikum ihres Auftritts in der Wiener Arena war begeistert.

Wien - Trent Reznor stand das letzte Mal vor ziemlich genau elf Jahren auf der Openair-Bühne der Wiener Arena. Mit seinen Nine Inch Nails machte er damals wie heute noch Mikrofonständer, Gitarren und Bühnentechniker kaputt. Und damals schon musste sich das Publikum von seinem Helden mit jenen Mineralwasserflaschen bewerfen lassen, die diese beim Einlass wegen Gefährdung der Künstler zuvor abgeben mussten. Eine zumindest für große Kinder total intensive, weil irgendwie bedrohliche Erfahrung. Ach ja, Kurt Cobain hatte sich 1994 auch gerade umgebracht.

Damit war kurzfristig der Platz des Vorzeige-Schmerzensmannes im vom Underground in den Mainstream wandernden Alternative Rock frei geworden. Nach seinem stilprägenden und diverse dramatische Stile wie Metal, Industrial, Punk, Gothic und die Techno-Vorstufe der Electronic Body Music zusammenführenden Debüt Pretty Hate Machine aus 1989 und seiner 1994 gerade frisch veröffentlichten und mindestens als "existenzialistisches Meisterwerk" gehandelten Downward Spiral kamen Reznors Nine Inch Nails also gerade recht.

Es ging und geht auch heute noch um nichts weniger als darum: Ein zeitlos schönes Gefühl wie dem Wohlstand geschuldeter Weltekel befindet sich in heftiger Korrespondenz mit Selbsthass. Der lässt sich beim Warten, bis das Geimpfte aufgeht, allerdings allzu oft von oberflächlicher Paranoia ablenken. Macht nichts. Ein heimlicher Weltstar ist Trent Reznor trotzdem geworden. Ekel, Hass und Paranoia, das ist ein Themenpark, in dem das Publikum immer mit kann. Wie die vielen jungen und alten Leute von heute am Dienstag in der Arena demonstrierten. Der Verdacht macht uns sicher.

Klagenhagel

Er soll mit rabiaten Metal-Gitarren, apokalytischen Donnerbeats, Computer-Verschrottungsgeräuschen und grundsätzlich gebrülltem Klagenhagel in der zumindest inhaltlich härtesten Musik des Planeten so verdichtet werden, dass wir uns erst in diesem Soundtrack der Entfremdung so richtig heimelig fühlen. Über das Mitleiden mit unserem Helden lassen wir uns so tief hinunterziehen, dass es danach nur wieder aufwärts gehen kann.

Wie sang Reznor einst gar zu sturmdrängerisch: "There is a hate that burns within, the most desperate place I have ever been. There is no place I can hide, it feels like it keeps coming from the inside."

Das konnte nicht gut gehen. Nach Drogenproblemen und einer im Fitnessstudio verbrachten Phase der physischen Läuterung wütet der von einer Hühnerbrust zum Hulk konvertierte Trent Reznor mit schwarz gefärbten Haaren durch alte Klassiker wie Head Like A Hole, Starfuckers Inc. oder March Of The Pigs. Und er tobt bei Vollgas mit angezogener Handbremse durch eine Hand voll neuer Songs seines im Gegensatz zu früheren Gewaltausbrüchen eher einer grüblerischen Implosion gewidmeten neuen Albums With Teeth.

Auf dem finden sich auch poppige, mitunter gar soulige Töne. Hier rückt Reznor in die Nähe der vergleichbaren und ähnlich geläuterten Depeche Mode. Welt gegen Künstler: unentschieden in der Verlängerung. Künstler überlegt Ausstiegsszenario, in dem man würdig alt werden darf, ohne Schusswaffen zu bemühen. Der Zorn geht, aber er kommt auch noch. Als gegen Ende beim zuletzt von Johnny Cash interpretierten Junkie-Elend Hurt das Keyboard versagt, muss das nicht nur das Instrument, sondern auch ein Bühnentechniker büßen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.6.2005)

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